Gewalt gegen Frauen in den Medien

Gewalt gegen Frauen in den Medien

Gewalt gegen Frauen in den Medien

Am 12.12.2019 lud Reporter ohne Grenzen zu einem Sonderscreening des Films “Der Taucher” ins Votivkino. Der Film handelt von einer Frau, der es gelang, sich aus einer Gewaltbeziehung zu lösen. Sie lebt einen ruhigen Alltag auf Ibiza, als sie erneut von ihrem Ex-Partner aufgesucht und angegriffen wird. Reporter ohne Grenzen unterhielt sich mit Regisseur Günter Schwaiger über die wichtige Rolle, die Medien bei Gewalt gegen Frauen spielen.

“Das Dilemma in Österreich ist die Darstellung von Gewalt gegen Frauen in der Presse”, sagt Schwaiger. Durch die Fokussierung von Boulevardmedien auf die Gewaltdelikte von MigrantInnen würde ein Täterprofil dargestellt, “mit dem sich der ‘durchschnittliche’ österreichische Gewalttäter nicht identifizieren kann und dadurch auch nicht muss”, so Schwaiger. So würde der Eindruck entstehen, Gewalt sei eine Frage des Kulturkreises, ein Phänomen, das aus dem Süden oder Nahen Osten stamme oder gar nur mit dem Islam zu tun habe, was – wie Zahlen zu häuslicher Gewalt in Österreich natürlich belegen – ein Trugschluss ist. 2018 war Österreich EU-weit das Land mit dem höchsten Frauenanteil unter den getöteten Menschen.

Auch die verbale Verharmlosung der Gewalttaten (oder gar -exzesse) in österreichischen Medien sei deutlich zu beobachten. Schwaiger bringt das Beispiel des Attentats von Kitzbühel ins Gespräch, als ein 25-Jähriger seine Ex-Freundin, ihren Liebhaber und ihre Familie erschoss, insgesamt nahm er fünf Personen das Leben. Die APA bezeichnete den fünffach-Mord als “Beziehungstat”, beinahe alle großen Zeitungen titelten den Hinweis “Mord aus Eifersucht”, die Gratiszeitung “Österreich” formulierte noch konkreter: “Er rastete aus, weil sie Eishockey-Star liebte”.

“Durch gewisse Formulierungen wird der Eindruck vermittelt, es sei die Schuld der Frau gewesen, dass sie attackiert wurde”, so Schwaiger. “Mord aus Eifersucht, Mord wegen Wegweisung – dabei geht die Tatsache verloren, dass es sich schlicht und ergreifend um einen kaltblütigen Mord handelt,” fügt Moderatorin Rubina Möhring hinzu. Auch der Österreichische Presserat rief die Medien nach den Morden von Kitzbühel zu mehr Sensibilität in der Berichterstattung auf.

In Spanien seien Medien viel konsequenter in ihrer Sprache bei Berichten über Gewalt gegen Frauen, meint Schwaiger, “im Gegensatz zu der dortigen Berichterstattung ist unsere haarsträubend”. Dafür sei einerseits das Gesetz gegen geschlechtsspezifische Gewalt verantwortlich, das 2005 “von einer ganz starken Frauenbewegung” in Spanien durchgesetzt wurde. Außerdem wurde dort von VertreterInnen der Presse, der Politik und von Opferschutzeinrichtungen ein Dekalog ausgearbeitet, der klare Richtlinien vorgibt, wie über Gewalttaten gegen Frauen zu berichten sei und wie nicht. So sollten Medien zum Beispiel keine Täter zitieren, keine Scheinerklärungen wie “Eifersucht” oder “Tragödie” strapazieren, den Täter nicht als sympathischen Menschen darstellen, der “eine Trennung nicht verkraftet” hat oder “so sehr verliebt” war.

Weiterführende Links:

Interview mit Günter Schwaiger vom 02.12.19 im Standard

…für MedienvertreterInnen:

Handbuch über die Nachrichtenaufbereitung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt auf der Seite des Gewaltschutzzentrums Salzburg, dt. Übersetzung

Sensible Berichterstattung zum Thema Gewalt gegen Frauen , MA 57

 

 

Das Sonderscreening des österreichischen Films “Der Taucher” im Votivkino war eine Kooperation von Reporter ohne Grenzen Österreich und dem Filmladen. Für 2020 planen wir weitere interessante Gespräche mir Filmemachern und Filmemacherinnen. Wer informiert bleiben will: folgen Sie uns auf Facebook oder Twitter!

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