Ukraine: 26 leere Stühle für die von Russland inhaftierten Medienschaffenden

Reporter ohne Grenzen fordert die sofortige Freilassung

Am Samstag, 15. November 2025, wurden im Zentrum der ukrainischen Hauptstadt Kiew symbolisch 26 leere Stühle aufgestellt, um auf die 26 willkürlich von Russland inhaftierten Medienschaffenden aufmerksam zu machen. Sie müssen unverzüglich freigelassen werden.

Vladyslav Hershon, Yana Suvorova, Iryna Danylovych, Aziz Azizov … – die Namen der 26 ukrainischen Journalistinnen und Journalisten, die willkürlich von Russland inhaftiert wurden – einige von ihnen seit fast zehn Jahren –, wurden auf leeren Stühlen angezeigt, die auf dem Sophienplatz im Herzen von Kiew aufgestellt waren. Die Kampagne „Empty Chairs“ wird vom Center for Civil Liberties, der ukrainischen Organisation, die 2022 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, und PEN Ukraine in Zusammenarbeit mit RSF durchgeführt.

Neben der Aufmerksamkeit für die vom Kreml inhaftierten Schriftsteller und Aktivisten machte die Kampagne auch auf die 70 ukrainischen Zivilisten aufmerksam, die willkürlich von Russland inhaftiert wurden. Die ukrainischen Journalisten Dmytro Khyliuk und Vladyslav Yesypenko, die 2025 freigelassen wurden, sprachen über ihre Inhaftierung.

Mehr Informationen unter:

https://rsf.org/en/26-empty-chairs-kyiv-ukrainian-journalists-detained-russia-rsf-calls-their-immediate-release

40 Jahre Reporter ohne Grenzen

Jubiläum mit internationalem Diskurs und Austausch

“Es macht uns stolz, wenn wir Trump, Putin und den vielen anderen Feinden der Pressefreiheit ein Dorn im Auge sind!” – Am 15. November 2025 machte Generaldirektor Thibaut Bruttin zum Abschluss des 40-Jahr-Jubiläums von Reporter ohne Grenzen (RSF) in Paris deutlich, dass der Journalismus weltweit immer stärker unter Druck gerät.

Es muss deshalb noch mehr Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass unabhängige Medien im Hinblick auf die Zukunft der Demokratien von ganz besonderer Bedeutung sind.

Für die österreichische RSF-Sektion nahmen Vorstandsmitglied Barbara Toth und Generalsekretär Martin Wassermair am internationalen Diskurs und Austausch teil.

40 Jahre RSF: Was bedeutet Journalismus?

Anlässlich des 40-Jahr-Jubiläums von RSF International von 13. – 15. November 2025 in Paris hat auch Reporter ohne Grenzen (RSF) Österreich ein Video in englischer Sprache beigetragen, das drei Fragen zur schwierigen Situation von Demokratie und Pressefreiheit sowie zu Journalismus als gesellschaftliche Verantwortungspraxis beantwortet.

Hier die deutschsprachige Version:

  • Was bedeutet Journalismus für euch?

Reporter ohne Grenzen (RSF) Österreich setzt sich aus Personen mit unterschiedlichen professionellen Hintergründen zusammen. Die verschiedenen Standpunkte und Sichtweisen sind eine besondere Stärke der kleinen österreichischen Sektion. Dennoch lässt sich eine gemeinsame Klammer deutlich zusammenfassen: Für uns ist Journalismus weit mehr als bloße Informationsvermittlung – wir verstehen ihn als unverzichtbare Säule demokratischer Teilhabe und als Instrument, um gesellschaftliche Verantwortung wahrzunehmen. Journalistinnen und Journalisten spielen eine zentrale Rolle, komplexe Realitäten sichtbar zu machen, Machtverhältnisse kritisch zu hinterfragen und jenen eine Stimme zu geben, die sonst kaum Gehör finden.

Journalismus bedeutet aber auch, Mut und Haltung zu beweisen – gerade in Zeiten politischer Polarisierung, von Kriegen und sozialen Spannungen. Zu den Aufgaben des Journalismus zählt unter anderem, Narrative zu entwickeln, die Menschen in ihrer Zuversicht auf eine Welt in Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden bestärken. Dabei geht es nicht um neutrale Distanz im Sinne von Gleichgültigkeit, sondern um eine engagierte, differenzierende Berichterstattung, die Orientierung bietet und Empathie fördert.

Journalismus existiert also keineswegs isoliert: Pressefreiheit, Unabhängigkeit und der Schutz von Medienschaffenden sind Grundbedingungen einer funktionierenden Demokratie. Nur wenn Journalistinnen und Journalisten frei und kritisch arbeiten können, lässt sich eine Öffentlichkeit herstellen, die politische Teilhabe ermöglicht. In diesem Sinn betrachten wir Journalismus als gesellschaftliche Verantwortungspraxis, die dazu beiträgt, Zusammenhalt, Dialogfähigkeit und Vertrauen in demokratische Prozesse zu stärken.

  • Was ist der wichtigste Grundlagentext für den Journalismus in Ihrem Land? 

Intellektuelle Köpfe machen sich seit geraumer Zeit kritische Gedanken zu Demokratie, Meinungsfreiheit und Menschenrechten in Österreich. Ob Marlene Streeruwitz, Robert Menasse, Elfriede Jelinek oder Thomas Bernhard – sie alle warnen unablässig vor einer totalitären Entwicklung, die nicht zuletzt auch die freie Presse zum Schweigen bringen will.

Die österreichische Sektion von Reporter ohne Grenzen ist selbst tief verankert in medienkritischen und medienpolitischen Diskursen und kann daher mit zahlreichen öffentlichen Auftritten und Publikationen selbst als wichtige Referenz für eine Bestandsaufnahme von Demokratie und Informationsfreiheit betrachtet werden.

  • Welches einzelne Wort fasst die größte Herausforderung für den Journalismus in Ihrer Region im Jahr 2025 am besten zusammen?

Die Antwort muss lauten: Volkskanzler. Viele bezeichnen das Medienjahr 2025 in Österreich bereits als Annus Horribilis, das kurzzeitig vom Drohszenario einer Bundesregierung unter Führung der rechtsextremen FPÖ eingeläutet wurde. Parteichef Herbert Kickl hat versprochen, ein “Volkskanzler” sein zu wollen – eine beispiellose Provokation, denn auch Adolf Hitler brachte sein nationalsozialistisches Terrorregime als selbsternannter “Volkskanzler” an die Macht.

Die Gefahr konnte zu Jahresbeginn abgewendet werden. Dennoch bleibt die Sorge bestehen, dass die stärkste politische Kraft im Land die allgemeine Stimmung weiterhin gegen kritischen Journalismus und unabhängige Medien aufbringen wird. Zugleich werden unter dem ökonomischen Druck in vielen Redaktionen Stellen abgebaut, was die journalistische Widerstandsfähigkeit auf längere Perspektive nachhaltig schwächen wird. Reporter ohne Grenzen ruft in Österreich deshalb zu großer Wachsamkeit und mehr Wehrhaftigkeit gegen illiberale und totalitäre Tendenzen auf.

COP30: Journalismus im Kampf für eine freie Umwelt- und Klimaberichterstattung

Von Kambodscha bis zum Amazonas, von Frankreich bis Ägypten: Journalistinnen und Journalisten, die über Themen im Zusammenhang mit natürlichen Ressourcen, deren Ausbeutung oder Schutz berichten, werden oft behindert, bedroht, verhaftet, angegriffen oder sogar inhaftiert oder getötet.

Reporter ohne Grenzen (RSF) stellt 30 konkrete Fälle vor, die im vergangenen Jahr wegen einer Berichterstattung über Umwelt- und Klimafragen auf diese Weise verfolgt wurden. Angesichts der Weltklimakonferenz COP30, die am 10. November in der brasilianischen Stadt Belém beginnt, fordert RSF die Regierungen auf, dafür zu sorgen, dass die Verteidigung einer zuverlässigen Berichterstattung und ihrer Akteure ein wesentlicher Bestandteil des Kampfes gegen den Klimawandel ist.

Mehr Informationen unter:

https://rsf.org/en/30-journalists-embody-struggle-freely-reported-environmental-coverage

Proteste in Serbien: RSF verzeichnet 89 Angriffe auf Medien innerhalb eines Jahres

Am 1. November 2024 stürzte im Norden Serbiens das Vordach eines Bahnhofs ein und forderte zahlreiche Todesopfer. Das war zugleich der Auftakte von Protesten, die weiter andauern. Journalistinnen und Journalisten, die über die Auflehnung gegen das Regime von Präsident Aleksandar Vučić berichten, stehen besonders im Visier der Angriffe von Schlägertrupps und Sicherheitsbehörden.

Innerhalb eines Jahres wurden serbische Medienschaffende laut RSF-Zählung Opfer von mindestens 89 körperlichen Angriffen. Die Gesamtzahl für 2025 liegt bei 82 Fällen und ist damit laut Vergleichsdaten von RSF und seinem lokalen Partner NUNS die höchste Jahreszahl seit 2008. Etwa die Hälfte der Gewalttaten wurde von Strafverfolgungsbeamten verübt, die darüber hinaus wegsehen, wenn Journalistinnen und Journalisten von regierungsnahen Aktivisten angegriffen werden.

Mehr Informationen unter:

https://rsf.org/en/protests-serbia-least-89-attacks-journalists-recorded-rsf-one-year