Methodik zur Erstellung des internationalen RSF-Pressefreiheitsindex

Der Index dient dazu, den Grad der Pressefreiheit für Journalismus und Medien in 180 Ländern und Gebieten zu vergleichen. Reporter ohne Grenzen (RSF) und das Expertengremium stützen sich bei der Erstellung des Index auf folgende Definition von Pressefreiheit:

“Pressefreiheit ist definiert als die Fähigkeit von Journalistinnen und Journalisten – sowohl als Einzelpersonen als auch als Gruppe -, Nachrichten im öffentlichen Interesse auszuwählen, zu erstellen und zu verbreiten, und zwar unabhängig von politischen, wirtschaftlichen, rechtlichen und gesellschaftlichen Einflüssen und ohne dass ihre körperliche und psychische Unversehrtheit bedroht ist.”

Auf der Grundlage dieser Definition sind der Fragebogen zur Pressefreiheit und die Karte in fünf verschiedene Kategorien oder Indikatoren unterteilt: Politischer Kontext, rechtlicher Rahmen, wirtschaftlicher Kontext, soziokultureller Kontext, Sicherheit.

Der Index gibt einen Überblick über die Lage im Kalenderjahr vor seiner Veröffentlichung. Dennoch soll er als getreues Abbild der Situation zum Zeitpunkt der Veröffentlichung angesehen werden. Wenn sich die Lage der Pressefreiheit in einem Land zwischen dem Ende des bewerteten Jahres und der Veröffentlichung dramatisch ändert, werden die Daten daher aktualisiert, um die aktuellsten Ereignisse so weit wie möglich zu berücksichtigen. Dies kann mit einem neuen Krieg, einem Staatsstreich, einem schweren Angriff auf Journalistinnen und Journalisten oder der plötzlichen Einführung einer extrem repressiven Politik zusammenhängen.

Diese Punktzahl wird auf der Grundlage von zwei Komponenten berechnet:

  • einer quantitativen Erfassung, die im Laufe des zurückliegenden Jahres von den RSF-Teams durchgeführt wird. Sie befasst sich mit der Gewalt, der Journalistinnen und Journalisten in 180 Ländern weltweit ausgesetzt sind: Inhaftierungen, Verschleppungen, Todesfälle und Geiselnahmen. In jedem einzelnen Fall wird geprüft, ob er unter das Mandat von RSF fällt: Handelt es sich um Medienschaffende, wurden sie aufgrund ihrer Arbeit oder während ihrer Berufsausübung ins Visier genommen?
  • einer qualitativen Analyse der Lage in jedem Land oder Gebiet auf der Grundlage der Antworten von zahlreichen Fachleuten für Pressefreiheit (z.B. aus Journalismus, Wissenschaft, Menschenrechten, Zivilgesellschaft) auf einen RSF-Fragebogen (verfügbar in 25 Sprachen; auf der Basis von fünf Indikatoren). Anhand der Antworten wird für alle Befragten eine Punktzahl für jeden Indikator ermittelt. In weiterer Folge wird der Durchschnitt der Punktzahlen pro Land und Indikator berechnet. Schließlich ergibt sich aus dem Durchschnitt aller Indikatorpunktzahlen die Gesamtpunktzahl.

Karte der Pressefreiheit

Die Karte zur Pressefreiheit bietet einen visuellen Überblick über die Bewertungen aller Länder im Index. Die Farben und Einstufungen sind wie folgt zugeordnet:

  • [85–100 Punkte] gut (grün)
  • [70–85 Punkte]  zufriedenstellend (gelb)
  • [55 – 70 Punkte]  problematisch (hellorange)
  • [40 – 55 Punkte]  schwierig (dunkelorange)
  • [0 – 40 Punkte]  sehr ernst (dunkelrot)

Bewertungskriterien: fünf Kontextindikatoren

Die Punktzahl jedes Landes oder Gebiets wird anhand von fünf Kontextindikatoren ermittelt, die die Lage der Pressefreiheit in ihrer ganzen Komplexität widerspiegeln:

  • Politischer Kontext
  • Rechtlicher Rahmen
  • Wirtschaftlicher Kontext
  • Soziokultureller Kontext
  • Sicherheit

Für jeden Indikator wird eine Teilpunktzahl zwischen 0 und 100 berechnet. Alle Teilpunktzahlen fließen zu gleichen Teilen in die Gesamtpunktzahl ein. Innerhalb jedes Indikators haben alle Fragen und Unterfragen das gleiche Gewicht.

Politischer Kontext

35 Fragen und Unterfragen dienen der Bewertung:

  • des Ausmaßes an Unterstützung und Achtung der Medienautonomie gegenüber politischem Druck seitens des Staates oder anderer politischer Akteurinnen und Akteure;
  • des Grades an Akzeptanz für verschiedene journalistische Ansätze, die professionellen Standards entsprechen, einschließlich politisch orientierter und unabhängiger Ansätze;
  • des Ausmaßes an Unterstützung für die Medien in ihrer Rolle, die Politik und Regierungen im öffentlichen Interesse zur Rechenschaft zu ziehen.

Rechtlicher Rahmen

26 Fragen und Unterfragen dienen der Bewertung:

  • des Ausmaßes, in dem Journalismus und Medien frei von Zensur, gerichtlichen Sanktionen oder übermäßigen Einschränkungen ihrer Meinungsfreiheit arbeiten können;
  • der Möglichkeit, ohne Diskriminierung zwischen Journalistinnen und Journalisten Zugang zu Informationen zu erhalten, sowie der Möglichkeit, Quellen zu schützen;
  • des Vorhandenseins oder Fehlens von Straffreiheit für diejenigen, die für Gewalttaten gegen Journalistinnen und Journalisten verantwortlich sind.

Wirtschaftlicher Kontext

26 Fragen und Unterfragen dienen der Bewertung:

  • der wirtschaftlichen Zwänge im Zusammenhang mit staatlichen Maßnahmen (einschließlich der Schwierigkeiten bei der Gründung eines Nachrichtenmediums, der Begünstigung bei der Vergabe staatlicher Subventionen und der Korruption);
  • der wirtschaftlichen Zwänge im Zusammenhang mit nichtstaatlichen Akteuren (Werbetreibende und kommerzielle Partner);
  • der wirtschaftlichen Zwänge im Zusammenhang mit Medieninhaberinnen und Medieninhabern, die ihre geschäftlichen Interessen fördern oder verteidigen wollen.

Soziokultureller Kontext

22 Fragen und Unterfragen dienen der Bewertung:

  • sozialer Zwänge, die sich aus Herabwürdigungen und Angriffen auf die Presse aufgrund von Faktoren wie Geschlecht, sozialer Schicht, ethnischer Zugehörigkeit und Religion ergeben;
  • kultureller Zwänge, einschließlich des Drucks auf Journalistinnen und Journalisten, bestimmte Macht- oder Einflusszentren nicht in Frage zu stellen oder bestimmte Themen nicht zu behandeln, da dies der vorherrschenden Kultur des Landes oder Gebiets zuwiderlaufen würde.

Sicherheit

15 Fragen und Unterfragen (⅔ der Sicherheitspunktzahl) betreffen die Sicherheit von Journalistinnen und Journalisten. In diesem Zusammenhang wird Pressefreiheit definiert als die Fähigkeit, Nachrichten und Informationen unter Einhaltung journalistischer Methoden und ethischer Grundsätze zu ermitteln, zu sammeln und zu verbreiten, ohne dabei unnötigen Risiken ausgesetzt zu sein wie:

  • körperliche Gewalt (einschließlich Mord, Gewalt, Festnahme, Inhaftierung, Verschleppung und Entführung);
  • psychische oder emotionale Belastung, die durch Einschüchterung, Nötigung, Belästigung, Überwachung, Doxing (Veröffentlichung persönlicher Informationen in böswilliger Absicht), erniedrigende oder hasserfüllte Äußerungen, Verleumdungen und andere Drohungen gegen Journalistinnen und Journalisten oder deren Angehörige entstehen kann;
  • beruflicher Schaden (zum Beispiel der Verlust des Arbeitsplatzes, die Beschlagnahmung von Arbeitsmitteln oder die Plünderung von Einrichtungen).

Der Missbrauchswert (⅓ des Sicherheitswerts) wird anhand der von RSF erfassten Fälle von Missbrauch gegen Medien sowie Journalistinnen und Journalisten im Zusammenhang mit ihrer Arbeit nach folgender Formel berechnet:

Wobei x die gewichtete Summe der Missbrauchsfälle in einem Land oder Gebiet im Kalenderjahr vor der Indexierung im Verhältnis zum dezentralen Logarithmus der Bevölkerungszahl ist:

Dabei gilt:

  • pop ist die Bevölkerungsgröße;
  • jedes xi steht für die Anzahl der Übergriffe in einer Kategorie (Morde, körperliche Angriffe usw.);
  • jedes ki steht für den dieser Kategorie zugeordneten Koeffizienten;
  • n ist die Anzahl der Kategorien, für die Übergriffe registriert wurden;
  • K ist der Koeffizient, der als mathematisches Mittel verwendet wird, um eine Punktverteilung im Bereich von 0 bis 100 zu erstellen. Er beträgt 0,15.

Diese Funktion wurde aus folgenden Gründen gewählt:

  • Wenn in einem Land in einem bestimmten Jahr keine Übergriffe gegen Journalisten registriert werden, beträgt der Übergriffswert 100.
  • Wenn die Anzahl der Übergriffe zunimmt, sinkt der Wert und tendiert gegen 0.

Datenerhebung

  • RSF sammelt weltweit kontinuierlich Informationen über Übergriffe auf Journalistinnen und Journalisten im Zusammenhang mit ihrer Arbeit.
  • Die Informationen über Journalistinnen und Journalisten, die als Geiseln festgehalten, inhaftiert, getötet wurden oder vermisst werden, werden täglich im Pressefreiheitsbarometer von RSF aktualisiert.

Wahl der Koeffizienten

Die Ki-Koeffizienten legen eine Hierarchie der verschiedenen Arten von Verstößen fest. Folgende Hauptstufen der Schwere werden unterschieden:

  • Verstöße, die kein unveräußerliches Recht gemäß dem gemeinsamen Artikel 3 der vier Genfer Konventionen verletzen (Koeffizient 1): Plünderung, Zerstörung, Schließung oder Einstellung eines Medienunternehmens.
  • Verstöße, die gegen ein unveräußerliches Recht gemäß dem gemeinsamen Artikel 3 der vier Genfer Konventionen verstoßen: Entführung oder Verschleppung (Koeffizient 50), Inhaftierung (Koeffizient zwischen 25 und 50, je nach Dauer der Inhaftierung), Mord (Koeffizient 100).

Kategorie der Rechtsverletzung (xi)Koeffizient (ki)
Mord   100
Entführung50
Verschwindenlassen50
Inhaftierung für > 10 Jahre*50
Inhaftierung für 9-10 Jahre*47.5
Inhaftierung für 8-9 Jahre*45
Inhaftierung für 7-8 Jahre*42.5
Inhaftierung für 6-7 Jahre*40
Inhaftierung für 5-6 Jahre*37.5
Inhaftierung für 4-5 Jahre*35
Inhaftierung für 3-4 Jahre*32.5
Inhaftierung für 2-3 Jahre*30
Inhaftierung für 1-2 Jahre*27.5
Inhaftierung für < 1 Jahr*25
Medien durchsucht, zerstört, geschlossen oder eingestellt1

*Hausarrest wird in den Daten als Haft gezählt.

Quellen für Bevölkerungsdaten

Zur Berechnung des Missbrauchswerts wird die Bevölkerungszahl des jeweiligen Landes oder Gebiets herangezogen. Es werden die von der Weltbank veröffentlichten Bevölkerungszahlen verwendet, außer in den folgenden Fällen, in denen die Quelle angegeben ist:

  • Taiwan: örtliches Statistikamt;
  • Zypern: Eurostat;
  • Nordzypern: Weltbank-Angabe zur Gesamtbevölkerung der Insel Zypern abzüglich der Eurostat-Angabe zur Bevölkerung des Teils von Zypern, der EU-Mitglied ist;
  • Montserrat, Mitglied der OECS: örtliche Regierung.

Jährlich aktualisierte regionale Analysen beleuchten die Trends der jeweiligen Ausgabe und liefern zusätzliche Informationen. Die Platzierung und die Lage der Pressefreiheit in jedem der 180 Länder des Index werden zudem in Länderprofilen detailliert dargestellt, die auf der Website eingesehen werden können.

Regionale Analysen

Afrika

Amerika

Asien-Pazifik

Europa – Zentralasien

MENA

Diskussion: Demokratie braucht qualitätsvollen Journalismus!

Andreas Babler forderte in seiner Funktion als Medienminister eine Kürzung oder Abschaffung von Regierungsinseraten in Boulevardmedien und Umwidmung der Mittel für eine höhere, objektive und vor allem an Qualitätskriterien gekoppelte Medienförderung. Eine vom Vizekanzler in Auftrag gegebene Studie zur Reform der Medienförderung in Österreich wurde am 16. April 2026 veröffentlicht, an einem neuen Medienförderungsgesetz wird ebenfalls bereits gearbeitet.

Eine Diskussionsveranstaltung stellt dazu folgende Fragen in den Mittelpunkt: Welche Bedeutung haben seriöse Medien für das Funktionieren einer liberalen Demokratie? Welchen Kriterien sollen es sein, nach denen Qualität im Journalismus in Österreich gefördert wird? Warum stoßen diese Vorschläge auf harsche Kritik der Boulevardmedien? Wieso braucht die Demokratie Qualitätsjournalismus?

Demokratie braucht qualitätsvollen Journalismus – Qualitätsjournalismus braucht Förderung!

Donnerstag, 23. April 2026, um 18.30 Uhr
Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, Hörsaal 8, Währinger Straße 29, 1. Stock, 1090 Wien

Es diskutieren:

  • Andy Kaltenbrunner (Politikwissenschaftler mit den Schwerpunkten Medienkonvergenz und -innovation, Journalismus und Medienpolitik, Journalist und geschäftsführender Gesellschafter von Medienhaus Wien)
  • Daniela Kraus (Historikerin mit den Schwerpunkten Medienpolitik und Veränderung des Journalismus durch technologische und gesellschaftliche Innovationen und Generalsekretärin des Presseclubs Concordia)
  • Colette M. Schmidt (Redakteurin „Der Standard“ und stv. Vorsitzende der Journalist:innengewerkschaft in der GPA)
  • Alexander Warzilek (Jurist und Geschäftsführer des Österreichischen Presserates)

Eine gemeinsame Veranstaltung von Reporter ohne Grenzen (RSF) Österreich, Bundesfachgruppe für Medienberufe des Bundes Sozialdemokratischer AkademikerInnen und Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien.

Fotocredit: BMWKMS/Fuhrer

Blog

Ungarn nach der Wahl 2026: “Unabhängige Medien werden wieder in einem normalen wirtschaftlichen Umfeld agieren”

Gregor Mayer ist Korrespondent des Wochenmagazins “profil” und der Tageszeitung “Der Standard” in Belgrad und Budapest.

Wie ist das Ergebnis der Parlamentswahlen am 12. April 2026 zu erklären und was bedeutet es?

Der massive Wahlsieg der Tisza-Partei von Péter Magyar lässt sich mit folgenden Faktoren erklären:

Erstens: Der ehemalige Insider des Orbán-Systems entwickelte eine für Ungarn ungewöhnliche Herangehensweise an die politische Arbeit. Seit seinem Bruch mit dem Regime im Februar 2024 tourte er unermüdlich durch das Land, besuchte er selbst kleinste Dörfer. In zwei Jahren trat er in 700 (von ca. 3.200) ungarischen Gemeinden auf. Diese Auftritte erregten große Aufmerksamkeit. In kleinen Ortschaften, aber auch Städten hat das Orbán-System eine Machtstruktur aufgebaut, die die Menschen in Abhängigkeiten von kommunalen Jobs und Sozialleistungen zog, über die nahezu allmächtige Bürgermeister der Orbán-Partei FIDESZ entschieden. Oft aber war die Angst nur in den Köpfen, erzeugt durch Einschüchterung und Drohverhalten seitens der Mächtigen. Péter Magyar stellte von Anfang an das Motto “Fürchtet euch nicht!” über sein Wirken – ein Zitat aus dem Neuen Testament, das die Barrieren in den Köpfen einzureißen vermochte.

Zweitens: In der letzten Legislaturperiode (2022-2026), deren Beginn mit dem Ende der Corona-Pandemie und dem Beginn des vollumfänglichen russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine zusammenfiel, geriet die ungarische Volkswirtschaft in Phasen der Rezession und Stagnation. Die Inflation erreichte Höchstwerte in der EU, der Lebensstandard sank für die meisten Menschen mehr oder weniger fühlbar. Der Korruption und schamlosen Bereicherung seitens der Akteure und Schützlinge des Regimes tat das keinen Abbruch. Krankenhäuser und Bildungseinrichtungen blieben weiter in desolatem Zustand. Pädophilie- und Missbrauchs-Skandale um leitende Mitarbeiter von Kinderheimen empörten die Öffentlichkeit. Auf all das gab das Orbán-Regime keine Antworten, Péter Magyar machte es zum Thema: bei seinen öffentlichen Auftritten, in Social-Media-Postings. Er bediente sich einer plastisch-bildlichen, satirisch zugespitzten und dennoch allgemein verständlichen Sprache. Damit erreichte er Menschen aus jenen gesellschaftlichen Segmenten, die die Opposition vor ihm nicht anzusprechen vermochte. Diese Menschen, die bislang Orbán-Wähler waren, holte Magyar ab.

Drittens: Nach 16 Jahren an der Macht erwiesen sich Orbán und sein Stab als selbstgefällig, präpotent und bar jeder Kreativität. Ihre Kampagnen-Themen verengten sich auf die Hetze gegen die Ukraine und die EU, auf die Lügenphrase, dass die EU Krieg führen und ungarische Familienväter und Söhne an die Front schicken wolle, was nur Orbán verhindern könne, weil Magyar eine „Marionette Brüssels“ sei. FIDESZ sei dagegen “die sichere Wahl”. Orbán, der seit seiner Studentenzeit im politischen Geschäft ist und seine Erfolge auch seinem Gespür für die Stimmungen in der Bevölkerung verdankte, zeigte diesmal kein Sensorium für die realen Vorgänge in der Gesellschaft. Möglicherweise wird das Wahldesaster vom 12. April das Ende seiner politischen Laufbahn einleiten.

Die Bedeutung dieses Wahlausgangs ist enorm. In Budapest spricht man von einer “Systemwende”, vom “Beginn einer neuen Ära”. Mit der verfassungsändernden Zweidrittelmehrheit im neuen Parlament hat Magyar nahezu unbegrenzten Spielraum, um das System Orbán zu demontieren. Was an seine Stelle treten wird, lässt sich nicht vorhersehen. Die Tisza-Partei ist keine Partei im herkömmlichen Sinn, sondern vielmehr eine Bewegung von engagierten Bürgerinnen und Bürgern, die sich Magyar anschlossen, aus dem Willen heraus, aus Ungarn ein gutes Land zu machen. Wie sich das in die Politikgestaltung im Rahmen einer parlamentarischen Demokratie umsetzen wird, bleibt offen. Anders als Orbán ist Magyar – zumindest derzeit – nicht an dauerhafter Macht interessiert. In einem Verfassungszusatz will er verankern, dass keine Person in Ungarn öfter als zwei Legislaturperioden hindurch Ministerpräsident sein kann. Das würde nicht nur ihn binden – sondern auch verhindern, dass der heute 62-jährige Orbán – insofern er die Abrechnungsgelüste in der eigenen Partei überlebt – je wieder Regierungschef werden kann.

Inwiefern haben staatlich kontrollierte oder regierungsnahe Medien den Wahlkampf beeinflusst?

38 Prozent der Wählerinnen und Wähler gaben ihre Stimme immer noch Orbáns FIDESZ-Partei. Ein Gutteil von ihnen war wohl durch Propaganda und Phrasen dieser Medien beeinflusst. Nach Erhebungen der Medienwissenschaft kontrollieren Orbáns Leute 80 bis 85 Prozent der Reichweite, die die Medien in Ungarn haben. So gibt es keinen einzigen unabhängigen Radiosender und keine einzige unabhängige Regionalzeitung im ganzen Land.

Welche Veränderungen sind nun für den unabhängigen Journalismus zu erwarten?

Nur gute. Die unabhängigen Medien, die bis zu diesem Tag überlebt haben, arbeiten unter sehr schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen. Für sie gibt es nicht nur keine Presseförderung wie in Österreich. Vielmehr hat das Orbán-Regime das Anzeigengeschäft “verstaatlich”, das heißt in den Händen von Orbáns Kanzleiminister Antal Rogán – der auch die Oberaufsicht über die Geheimdienste hat – monopolisiert. Das heißt, dass staatliche Institutionen und staatsnahe Unternehmen Anzeigen nur über eine Agentur schalten dürfen, die Rogán kontrolliert. Die meisten privaten Unternehmen orientieren sich wiederum daran, wo die staatlichen und staatsnahen Akteure Werbung platzieren. Bei einem Medium, bei dem diese nicht inserieren, halten sich auch die Privaten zurück, weil sie keinen Ärger mit dem Finanzamt, dem Arbeitsinspektorat usw. bekommen wollen. Die künftige Regierung Magyar wird all das abstellen. Es wird sich wieder ein einigermaßen “gesunder” Anzeigenmarkt entwickeln. Unabhängige Medien werden dann wieder in einem normalen wirtschaftlichen Umfeld agieren können.

Die Europäische Union atmet nach der Ungarn-Wahl merklich auf. Worauf darf sie nun im Hinblick auf Demokratie und Medienfreiheit tatsächlich hoffen?

Péter Magyar ist ein moderner Konservativer, der an Demokratie und Rechtsstaatlichkeit glaubt. Viele im linken und liberalen Segment der Gesellschaft, darunter auch etliche seiner Mitstreiterinnen und Mitstreiter, werden seine konservative, auch Nationalismus beinhaltende Weltanschauung nicht teilen. Zugleich ist Magyar – im Gegensatz zu Orbán – nicht jemand, der seine Weltsicht als die alleinseligmachende auffasst. Er bekennt sich zu Pluralismus und Toleranz und ist Pragmatiker. Seine politische Leistung besteht darin, dass er die unterschiedlichen Weltanschauungsgruppen in Ungarn zu bündeln vermochte, mit dem tatsächlich als gemeinsam empfundenen Ziel, das Orbán-System zu stürzen. Da die notwendige Demontage dieses Systems nach der Regierungsbildung – wohl so Mitte bis Ende Mai – erst in die Phase ihrer gesetzlichen und verfassungsrechtlichen Fundierung tritt, wird Magyars “Volksfront” noch eine Zeitlang Bestand haben. Sobald das übergeordnete Ziel erreicht ist, besteht eine gute Chance darauf, dass Debatten und Konflikte um die vernunftgeleitete Ausgestaltung von Politik im Rahmen der Demokratie ausgefochten werden. Ob es zu dieser – man kann sagen: Habermas’schen – Utopie kommen wird, wissen wir nicht. Falls ja, dann wird das das größte Verdienst des Péter Magyar gewesen sein.

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Tschechien: RSF kritisiert gesetzgeberischen Hinterhalt gegen öffentlich-rechtlichen Rundfunk

Der Plan der tschechischen Regierung, die Rundfunkgebühr überstürzt abzuschaffen, birgt die Gefahr, die Unabhängigkeit der öffentlich-rechtlichen Medien des Landes zu untergraben. Im März traf sich ein schwedischer Vertreter von Reporter ohne Grenzen (RSF) mit tschechischen Abgeordneten, um Erfahrungen mit der Abschaffung der Rundfunkgebühr auszutauschen, und betonte dabei die Bedeutung einer breit angelegten Konsultation, mehrjähriger Vorbereitungen und solider Schutzmechanismen – wie einer mehrjährigen Finanzierung und wirksamer Schutzmaßnahmen gegen politische Einflussnahme.

Die Einzelheiten des Vorhabens der tschechischen Regierungsmehrheit, die Rundfunkgebühr bis Januar 2027 vollständig abzuschaffen, sind noch unbekannt; damit würde den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ihre Haupteinnahmequelle entzogen, ohne dass eine Alternative in Sicht wäre. Die Regierungsparteien haben jedoch bereits einen ebenso vagen Plan angekündigt, die Gebühr, welche die Unabhängigkeit dieser Sender garantiert, bereits bis Juli 2026 drastisch zu senken.

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RSF-Journalismusbericht: Konfliktregion der Großen Seen in Afrika

Die Region der Großen Seen in Afrika erscheint auf der Karte des Weltpressefreiheitsindex von Reporter ohne Grenzen (RSF) als ein Meer aus Rot und Orange. Das bedeutet, dass die dort tätigen Journalistinnen und Journalisten unter enormen politischen und finanziellen Zwängen arbeiten.

Das Epizentrum der sich verschlechternden Sicherheitslage in der Region liegt im konfliktgeplagten Osten der Demokratischen Republik Kongo (DRK). Heute stehen die Großen Seen im Zentrum geopolitischer Konflikte um natürliche Ressourcen, und Medienschaffende in der Region sind ständig unterwegs – die meisten aus der Not heraus.

Ein neuer RSF-Bericht gewährt nun Einblicke in den Alltag von Medienschaffenden, die trotz großer Risiken weiterhin berichten.

RSF-Bericht “What it’s like to be a journalist in Africa’s Great Lakes region”

Fotocredit: Alexis Huguet / AFP

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