169 Tote in 20 Jahren: Mexiko erlebt die längste Serie von Morden an Medienschaffenden in Friedenszeiten Posted on 24. Oktober 202624. Oktober 2026von Martin Wassermair In den vergangenen zwei Jahrzehnten wurden in Mexiko 169 Journalistinnen und Journalisten getötet – durchschnittlich acht pro Jahr. 99 Prozent dieser Morde sind bis heute nicht vollständig aufgeklärt. Organisierte Kriminalität und Korruption zählen zu den Hauptursachen für diese Verbrechen – die längste Serie von Journalistenmorden in einem Land, in dem im 21. Jahrhundert Frieden herrscht –, während das Justizsystem des Landes versagt und die Behörden es versäumen, Medienschaffende zu schützen. „Das Problem ist nicht nur das Fehlen von Festnahmen oder Verurteilungen. Die Ermittlungen sind von Anfang an mangelhaft“, erklärt Propuesta Cívica, eine Organisation, die sich für Meinungsfreiheit einsetzt und Partner von Reporter ohne Grenzen (RSF) in Mexiko ist. Die Organisation, die unter anderem die Familien ermordeter Journalistinnen und Journalisten unterstützt, hat zahlreiche Mängel in den entscheidenden Anfangsphasen der Ermittlungen festgestellt: „Verlust oder mangelhafte Sicherung von Beweismitteln, das Versäumnis, alle Ermittlungsansätze zu verfolgen, eine unzureichende Analyse des Gesamtkontexts, schlechte Koordination zwischen den Behörden und in vielen Fällen ein fehlender politischer Wille, gegen diejenigen zu ermitteln, die vermutlich hinter dem Angriff stecken.“ RSF hat wiederholt Bedenken hinsichtlich dieser Versäumnisse geäußert, unter anderem in einem Brief an den mexikanischen Präsidenten im Jahr 2017 und zuletzt im August 2026 gemeinsam mit mehr als 40 mexikanischen Medien, mit einer klaren Botschaft an Präsidentin Claudia Sheinbaum: „Wie viele von uns müssen noch sterben, damit der mexikanische Staat handelt?“ Das Staatsoberhaupt wird mit allem Nachdruck dazu aufgefordert, unverzüglich alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um de Journalismus ihres Landes deutlich besser zu schützen. Mehr Informationen
Diskussion: Qualitätsjournalismus. Ein Bollwerk gegen Demokratieabbau? Posted on 20. Oktober 202620. Oktober 2026von Martin Wassermair Nach dem erfolgreichen Auftakt der Demokratiewoche 2026 am 19. Oktober lädt Reporter ohne Grenzen (RSF) Österreich zu einer weiteren Diskussionsveranstaltung. Donnerstag, 22. Oktober 2026, um 18.00 UhrParlament, Dr.-Karl-Renner-Ring 3, Lokal 2, Elise Richter, 1017 WienQualitätsjournalismus. Ein Bollwerk gegen Demokratieabbau?Die Zukunft der Qualitätsmedien in Österreich. Welche Rahmenbedingungen sind unerlässlich, damit es in Österreich eine ökonomisch lebensfähige Medienlandschaft gibt? Wann ist ein Medium qualitativ gut? Der Medienwissenschaftler Andy Kaltenbrunner antwortet auf diese Frage in seiner Studie „Journalismusförderung in Österreich“ unmissverständlich: „Es hängt davon ab, in welchem Ausmaß Journalismus seinen grundlegenden Anspruch als Infrastruktur demokratischer Gesellschaften erfüllt.“ Wie gut befähigt mich also z.B. eine Tageszeitung dazu, für die Gesellschaft, in der ich lebe, bessere Entscheidungen zu treffen und Missbrauch von Machthabenden zu erkennen. Wird dieser „Bedarf“ gegenwärtig ausreichend wahrgenommen, erkannt und auch gedeckt? Die Antwort auf diese Frage ist von existentieller Bedeutung für den Medienstandort Österreich. Denn sie berührt den Themenkomplex Presseförderung und die Kopplung der Förderung an Qualitätskriterien. Diese Kriterien sollen so gewählt sein, dass damit der gesellschaftliche Zusammenhalt Österreichs gestärkt wird und die umfassende und gesellschaftlich relevante Information der Bürgerinnen und Bürger in Zeiten der Boulevard-Medien, des Internet und den dort aktiven Social Media gefördert wird. In der Diskussionsveranstaltung im Parlament wird ganz grundsätzlich nach den notwendigen Rahmenbedingungen gefragt, die nicht nur bereits existierende Qualitätsprintmedien und deren Onlineformate stützt, sondern auch neue, innovative Medienprodukte aus dem zivilgesellschaftlichen Umfeld fördert? Darüber diskutierten unter der Leitung von Barbara Haas (Kleine Zeitung, Reporter ohne Grenzen):• Gerold Riedmann (Chefredakteur Der Standard)• Andy Kaltenbrunner (Medienwissenschafter, Medienhaus Wien)• Fritz Hausjell (Medienwissenschafter, Reporter ohne Grenzen)• Caro Hammoutene (KOMMA und BÜNDNIS 2025)• Marian Smetana (Ressortchef Politik/Österreich der Salzburger Nachrichten)Teilnahme nur mit Anmeldung möglich!Der Eintritt ins Parlament ist nur mit Lichtbildausweis möglich! Fotocredit: rsunshine (Pixabay)
RSF Österreich: Jahresbericht 2025/2026 Posted on 19. Oktober 202620. Oktober 2026von Martin Wassermair Seit der Neuaufstellung zu Jahresbeginn 2025 setzen wir uns mit Nachdruck für Informationsfreiheit, Medienvielfalt und den Schutz von Journalistinnen und Journalisten ein, die angesichts zunehmender Anfeindungen unter Druck geraten oder selbst im österreichischen Exil von autoritären Regimen bedroht werden. Wir führen zahlreiche politische Gespräche, beteiligen uns an öffentlichen Debatten und machen konsequent auf medienpolitische Fehlentwicklungen aufmerksam. Zugleich arbeiten wir daran, die Rahmenbedingungen für einen freien und unabhängigen Journalismus in Österreich nachhaltig zu stärken. Reporter ohne Grenzen (RSF) Österreich ist es gelungen, die öffentliche Sichtbarkeit deutlich zu erhöhen, die Wirksamkeit weiter zu stärken und zugleich das internationale Netzwerk von RSF aktiv mitzugestalten. Wir freuen uns, die zahlreichen Aktivitäten, Stellungnahmen und Veranstaltungen nun auch in unserem Jahresbericht 2025/2026 zu dokumentieren. Jahresbericht 2025/2026 (PDF-Download)
Diskussion: Am Beispiel ORF – wie soll die Medienfreiheit in Österreich langfristig gesichert werden? Posted on 19. Oktober 202619. Oktober 2026von Martin Wassermair Reporter ohne Grenzen (RSF) eröffnet die Demokratiewoche 2026 mit einer Diskussionsveranstaltung und lädt sehr herzlich dazu ein. Montag, 19. Oktober 2026, um 19.00 UhrBadeschiff, Wolfgang-Schmitz-Promenade, 1010 WienUn/Abhängig? Am Beispiel ORF – wie soll die Medienfreiheit in Österreich langfristig gesichert werden?Freiheit, Vielfalt und Qualität der österreichischen Medien bilden eine unverzichtbareSäule unserer Demokratie. In Zeiten politischer Veränderung braucht es einfunktionierendes Mediensystem, das über den Prozess der politischen undgesellschaftlichen Entwicklungen nicht nur berichtet, sondern auch kritischhinterfragt.Wie soll also die Rundfunkfreiheit des ORF künftig sichergestellt werden? Welcherechtlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind generell für einenachhaltige Sicherung der freien, ungehinderten Berichterstattung erforderlich?Unter der Leitung von Doris Priesching (Medienredakteurin Der Standard) debattieren:• Martin Wassermair (Generalsekretär Reporter ohne Grenzen Österreich)• Martin Thür (ORF-Redakteur)• Peter A. Bruck (Medienwissenschaftler)• Katharina Albrecht (GF Akademie des Österreichischen Films)• Stefan Wallner (GF Bündnis für Gemeinnützigkeit)Teilnahme nur mit Anmeldung möglich!Anmeldungen finden nach Einlangen ihres Datums Berücksichtigung Fotocredit: rsunshine (Pixabay)
Mit Polizeiknüppel gegen Pressefreiheit? Posted on 18. Oktober 202618. Oktober 2026von Martin Wassermair Die Festnahme eines Journalisten in Wien und ein Eklat in Steyr erfüllen Reporter ohne Grenzen mit großer Sorge. Spezialkräfte der Polizei müssen im Einsatz jederzeit mit extremen Gefahren und unvorhersehbaren Situationen rechnen. Was aber geht ihnen durch den Kopf, wenn sie im Zuge einer Amtshandlung in Kampfmontur gegen Medienschaffende vorgehen, die lediglich von ihrem Recht auf Berichterstattung Gebrauch machen? Mit diesen Fragen muss sich auch Innenminister Gerhard Karner auseinandersetzen. Er offenbart dabei ein bedenkliches Verständnis davon, dass sich die Herstellung der öffentlichen Sicherheit nicht durch rechtsstaatliche Grundsätze und den Schutz journalistischer Arbeit beirren lassen darf. Was war geschehen? Am 8. Oktober wurde der ukrainische Investigativjournalist Mykhailo Tkach, der erst vor Kurzem in Oslo den renommierten Free Media Award für mutige Recherchen gegen Korruption erhielt, gemeinsam mit seinem Kollegen Yaroslav Bondarenko in Wien festgenommen. Der Kameramann erlitt dabei schwere Verletzungen. Beide recherchierten zum Aufenthaltsort des früheren ukrainischen Generalstaatsanwalts Ruslan Kravchenko, dem in seinem Land schwerwiegende Verfehlungen vorgeworfen werden. Der Spionage- und der Terrorvorwurf gegen die Journalisten ließen sich nicht erhärten, sie kamen bald wieder frei. Eine Woche zuvor reiste der freie Journalist Michael Bonvalot nach Steyr, wo bei Kundgebungen seit Jahren Verschwörungserzählungen und rechtsextreme Ideologien propagiert werden. Für Bonvalot endete die Recherche mit einer rüden Festnahme. Den Anspruch, die Demonstration im Sinne der Pressefreiheit ungehindert journalistisch zu begleiten, wiesen die Einsatzkräfte zurück. Bonvalot wurde – so hat es den Anschein – auf Wunsch der Demo-Verantwortlichen für die Dauer des Aufmarsches (vier Stunden) festgehalten. Obwohl er sich mit einem Presseausweis legitimiert hatte, nannte ihn die Polizei in ihrer Öffentlichkeitsarbeit einen „angeblichen Journalisten“. Thibaut Bruttin, Generaldirektor von Reporter ohne Grenzen International, zeigt sich beunruhigt: „Die Frage, inwieweit Journalistinnen und Journalisten bei der Ausübung ihres Berufs auf den Schutz der Polizei vertrauen können, ist für die Beurteilung der Pressefreiheit von grundlegender Bedeutung. Dass Medienschaffende selbst Opfer von Polizeigewalt geworden sind, erfüllt uns mit großer Sorge.“ Attacken auf Journalisten Bei vielen Kundgebungen der letzten Jahre kam es in Österreich zu Attacken von zumeist Rechtsextremen gegen recherchierende Journalistinnen und Journalisten. Die österreichische Sektion von Reporter ohne Grenzen hat dies wiederholt öffentlich kritisiert und eingefordert, dass nicht nur das Grundrecht Demonstrationsfreiheit von der Polizei geschützt wird, sondern ebenso überzeugend das Grundrecht der Pressefreiheit, also die ungefährdete Berichterstattung über öffentliche Kundgebungen. Nach dem Eklat in Steyr wird Karner hoffentlich Zeit finden, um über bessere Lösungen für die Zukunft mit uns zu sprechen. Der Innenminister muss jedenfalls sicherstellen, dass nicht der Korpsgeist der Polizei, sondern die demokratische Verpflichtung zum Schutz der Pressefreiheit das Handeln seiner Behörde bestimmt. Journalistinnen und Journalisten dürfen bei ihrer Arbeit nicht zum Sicherheitsrisiko erklärt oder durch unverhältnismäßige Polizeimaßnahmen behindert werden. Ansonsten droht Österreich 2027 im RSF-Ranking der Pressefreiheit ein erneuter Abstieg. Fritz Hausjell ist Präsident, Martin Wassermair Generalsekretär von Reporter ohne Grenzen (RSF) Österreich. Erschienen in: Die Presse, 17. Oktober 2026