Internationaler Frauentag: Mehr Schutz für Journalistinnen bei Online-Angriffen!

Was Redaktionen innerhalb der ersten 24 Stunden nach einem Online-Angriff tun sollten

Online-Angriffe richten sich unverhältnismäßig oft gegen Journalistinnen, insbesondere gegen diejenigen, die über Geschlechterfragen, Frauenrechte und geschlechtsspezifische Gewalt berichten. Die meisten dieser Belästigungen erfolgen in Form von sexistischen, sexualisierten und bedrohlichen Nachrichten, die die psychische Gesundheit, die körperliche Unversehrtheit und den beruflichen Ruf von Journalistinnen ernsthaft schädigen können.

Eine schnelle, koordinierte Reaktion der Redaktionen innerhalb der ersten 24 Stunden ist entscheidend, um die Situation zu stabilisieren, eine Eskalation zu verhindern und die Journalistin zu unterstützen.

Reporter ohne Grenzen (RSF) empfiehlt Redaktionen, kurz nach Online-Angriffen u.a. folgende praktische Schritte zu befolgen:

Sichern Sie alle Geräte und Online-Konten: Aktualisieren Sie sofort die Passwörter für E-Mail-, Social-Media- und Arbeitskonten. Aktivieren Sie nach Möglichkeit die Zwei-Faktor-Authentifizierung. Stellen Sie sicher, dass die Geräte sicher sind, und beschränken Sie die öffentliche Zugänglichkeit sensibler persönlicher oder beruflicher Informationen. Die Website RSF Resources for Journalists bietet praktische Leitlinien zu digitalen Sicherheitsmaßnahmen.

Bieten Sie psychologische Unterstützung an: Bieten Sie Beratung, Traumabehandlung und Zugang zu Fachleuten für psychische Gesundheit an. Geben Sie der Journalistin Zeit und Raum, um den Angriff zu verarbeiten und zu entscheiden, wie sie reagieren soll. Erkennen Sie an, dass ihre psychische Sicherheit für die Fortsetzung der Arbeit von entscheidender Bedeutung ist.

Beauftragen Sie einen Rechtsbeistand: Beziehen Sie umgehend eine anwaltliche Vertretung ein, um mögliche Ansprüche wegen Verleumdung, Verletzung der Privatsphäre oder Belästigung zu prüfen. Lassen Sie sich beraten, ob Sie den Fall den Behörden melden, zivilrechtliche Schritte einleiten oder öffentlich reagieren sollten.

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Fotocredit: Joshua Koblin (Unsplash)

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Am Wendepunkt: Europarat zur Pressefreiheit 2025

Zunehmend feindseliges Umfeld für Journalismus

Die Pressefreiheit in Europa stand 2025 weiterhin unter anhaltendem Druck, bedingt durch rechtliche Drohungen, körperliche Angriffe und Einschüchterungen, Versuche der Vereinnahmung der Medien und transnationale Repressionen. Dies geht aus dem Jahresbericht der Partnerorganisationen der Plattform des Europarates zur Förderung des Schutzes des Journalismus und der Sicherheit von Journalisten hervor.

Im Jahr 2025 veröffentlichten die Plattformpartner 344 Warnmeldungen über schwerwiegende Bedrohungen der Medienfreiheit, ein deutlicher Anstieg (+29 %) gegenüber 2024, als 266 registriert wurden. Die Länder mit der höchsten Anzahl von Meldungen waren Russland (50), die Türkei (49), Georgien (35), Serbien (35) und die Ukraine (27) – die meisten bezogen sich auf russisch besetzte Gebiete oder wurden russischen Streitkräften zugeschrieben.

Die häufigste Kategorie von Meldungen (90) betraf Angriffe auf die körperliche Sicherheit und Unversehrtheit von Journalistinnen und Journalisten, darunter die Tötung von vier Medienmitarbeitenden durch russische Drohnenangriffe (der ukrainischen Journalistinnen bzw. Journalisten Olena Hramowa, Jewgeni Karmasin und Tetjana Kulyk sowie des französischen Fotojournalisten Antoni Lallican) und der Tod des türkischen freiberuflichen Journalisten Hakan Tosun nach einem brutalen Angriff. Bis 31. Dezember 2025 blieben 51 Morde an Journalistinnen und Journalisten auf der Plattform unaufgeklärt.

Jahresbericht 2025 zum Download (in englischer Sprache)

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Berichterstattung über den Krieg in der Ukraine

Journalistinnen und Journalisten erzählen ihre Geschichten

Die Information der Öffentlichkeit ist eines der wirksamsten Mittel gegen die Propaganda unter Putins totalitärer Herrschaft in Russland.

In einem neuen Dokumentationsvideo gibt Reporter ohne Grenzen (RSF) ukrainischen Journalistinnen und Journalisten eine Plattform, damit deren Stimmen international gehört werden.

Drohnenangriffe, Artilleriefeuer, Entführungen – auch im Jahr 2025 wurden ukrainische und internationale Medienschaffende, die über den Krieg berichteten, von der russischen Armee angegriffen. Seit Beginn des großangelegten Einmarsches Russlands in das Land am 24. Februar 2022 sind mindestens 175 Reporterinnen und Reporter russischen Übergriffen zum Opfer gefallen.

Die Verantwortlichen für diese Verbrechen müssen zur Rechenschaft gezogen werden!

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“Entpolitisieren Sie die Wiener Zeitung GmbH!”

Reporter ohne Grenzen richtet fünf Forderungen an Medienminister Babler anlässlich der Neubesetzung der Geschäftsführung

Die im Eigentum der Republik stehende Wiener Zeitung GmbH ist aus Perspektive von Reporter ohne Grenzen (RSF) Österreich längst überfällig für Reformen. Die mit heute, 24. Februar 2026, endende Bewerbungsfrist für die Neubesetzung der Geschäftsführung bietet nun die Gelegenheit für einen Neustart, der vor allem mit einem Ende der parteipolitischen Einflussnahmen einhergehen muss. “Die nach der Einstellung der Wiener Zeitung geschaffene Konstruktion”, erklärt Generalsekretär Martin Wassermair, “widerspricht in mehrfacher Hinsicht den Grundsätzen eines unabhängigen Journalismus.” Die österreichische RSF-Sektion hat deshalb schon im September 2025 Anfragen nach dem Informationsfreiheitsgesetz eingebracht und leitet nun für die Neubesetzung der Geschäftsführung einen fünf Punkte umfassenden Forderungskatalog daraus ab.

1) Unabhängige Führung statt parteipolitischer Besetzungen

Die Bestellung eines parteiunabhängigen Geschäftsführers erfordert ein transparentes Auswahlverfahren für die Nachfolge, mit einem öffentlichen Hearing der Shortlist und einem Auswahlverfahren unter Einbindung von Wissenschaft, Medienpraxis und Zivilgesellschaft. Zudem sind neue Modelle für Governance und Aufsicht öffentlich-rechtlicher Medien notwendig.

2) Rücklagen für die Medienbranche einsetzen

Während große Teile der österreichischen Medienbranche unter wirtschaftlichem Druck stehen, verfügt die Wiener Zeitung GmbH weiterhin über 25 Millionen Euro laut Jahresabschluss 2024 aus früheren Amtsblatt-Einnahmen. Diese sollen zur Förderung der österreichischen Medienlandschaft Verwendung finden.

3) Keine Steuergelder für internationale Digitalplattformen

RSF-Recherchen haben ergeben, dass die Wiener Zeitung GmbH seit dem Neustart 2023 mehr als eine halbe Million Euro für Werbung bei Instagram, YouTube, TikTok und Facebook ausgegeben hat. Es braucht einen vollständigen Stopp von Werbeausgaben staatlicher Medienunternehmen bei globalen Tech-Konzernen.

4) Klare Qualitätskriterien statt unverbindlichem “Public Value”

Der gesetzliche Auftrag des Online-Nachfolgeprodukts WZ.at ist nicht präzise formuliert. Trotz hoher Ausgaben sind die Reichweiten vielfach gering geblieben. Beispielsweise wurden 261 Videos auf YouTube veröffentlicht im Jahr 2025 (1.1. bis 23.10.). Mehr als die Hälfte (153 Clips) erreichte weniger als 1.000 Aufrufe, knapp 15 Prozent schafften nicht einmal 100 Aufrufe. Auf der Haben-Seite stehen acht Videos mit mehr als 50.000 Aufrufen – auf TikTok sind es gar 125. Ein neues Wiener-Zeitung-Gesetz soll für klar definierte Qualitätsstandards sorgen und eine konsequente Ausrichtung aller Inhalte am öffentlichen Mehrwert sicherstellen.

5) Rückbau neuer Geschäftsfelder und vollständige Kostentransparenz

Mit “Media Hub” inklusive Traineeships und der staatlichen “Content Agentur Austria” wurden die Geschäftsfelder der Wiener Zeitung GmbH deutlich ausgeweitet – allerdings ohne messbare Qualitätskriterien. Die bisherigen Beratungs-, Werbe- und Projektkosten sind aufzuklären und die genannten Aufgaben an etablierte externe Institutionen zu übertragen.

Fritz Hausjell, Präsident von Reporter ohne Grenzen (RSF) Österreich, sieht Medienminister Andreas Babler in der Pflicht. “Es liegt in seiner Hand, ob Österreich ein unabhängiges öffentliches Medienunternehmen schafft oder ein politisch steuerbares Instrument behält.” Die anstehende Neubesetzung der Geschäftsführung der Wiener Zeitung GmbH bietet dafür den entscheidenden medienpolitischen Moment. “Die rechtlichen Rahmenbedingungen sind jetzt zu reformieren und langfristige politische Einflussmöglichkeiten für immer zu beenden”, so Hausjell abschließend.

Ausführlichere Informationen in der Langfassung

Fotocredit: karstensfotos, Wikipedia, CC BY-SA 2.0, ed.

(ROG 24-02-2026)

Pressemitteilung

Reporter ohne Grenzen an Medienminister Babler: Entpolitisieren Sie die Wiener Zeitung GmbH!

Fünf Forderungen für eine Neuaufstellung des Medienunternehmens im Eigentum der Republik nach dem Abgang des ÖVP-nahen Geschäftsführers.

Eine der umstrittensten medienpolitischen Entscheidungen der Regierung von ÖVP und Grünen war die Einstellung der “Wiener Zeitung” 2023. Reporter ohne Grenzen (RSF) Österreich zieht nun eine Zwischenbilanz über die Neuaufstellung des Unternehmens, dessen Kern das Portal wz.at ist. Denn die Wiener Zeitung GmbH steht im Eigentum der Republik. Änderungen im Unternehmen sind somit – wie beim ORF – Teil der Medienpolitik einer Regierung. Der angekündigte Abschied von Martin Fleischhacker als Geschäftsführer der Wiener Zeitung GmbH ist Chance für einen Neubeginn. Die Bewerbungsfrist für die Neubesetzung endet am 24. Februar 2026. Fünf Forderungen ergeben sich daraus sowie einer Anfragebeantwortung nach dem Informationsfreiheitsgesetz bei der Wiener Zeitung GmbH.

1) Unabhängige Führungsperson statt parteipolitische Besetzungen

Über Jahre ressortierte das Unternehmen im Verantwortungsbereich des Kanzleramts. Der 2018 unter Türkis-Blau bestellte Geschäftsführer Martin Fleischhacker war früher Vorsitzender der Jungen ÖVP und Geschäftsführer des ÖVP-Seniorenbundes, jeweils im Burgenland. Unter der Regierung von ÖVP und Grünen wurde Fleischhacker zwei Mal als Geschäftsführer der Wiener Zeitung GmbH bestätigt. Das Portal help.gv.at leitet nun eine ehemalige Kabinettsmitarbeiterin von Karoline Edtstadler.

Fleischhacker kündigte am 21. Jänner seinen Rückzug als Geschäftsführer an. In der Dreierkoalition von ÖVP, SPÖ und Neos ist Medienminister Andreas Babler (SPÖ) für die Wiener Zeitung GmbH zuständig. “Babler hat nun die historische Chance, das Unternehmen in die parteipolitische Unabhängigkeit zu führen”, sagt Fritz Hausjell, Präsident von Reporter ohne Grenzen (RSF) Österreich. In einem ersten Schritt soll ein unabhängiger interimistischer Geschäftsführer eingesetzt werden. “Die Wiener Zeitung GmbH gehört der Republik, somit allen Bürgerinnen und Bürgern Österreichs – und nicht den Parteien.”

Die dauerhafte Nachfolge des interimistischen Geschäftsführers soll selbstverständlich ebenfalls ein Unabhängiger antreten. Ein transparentes Bewerbungsverfahren ist für Reporter ohne Grenzen unabdingbar. Die Bewertungen sämtlicher KandidatInnen sollten online abrufbar sein. Die Shortlist der KandidatInnen muss sich einem öffentlichen Hearing stellen. Und für die Auswahl des Geschäftsführers sollte nicht allein das Medienministerium verantwortlich sein. “Es braucht neue Modelle für die Auswahl von Personal, die Struktur und den laufenden Betrieb eines öffentlich-rechtlichen Mediums”, fordert Hausjell. “Dieser Prozess darf nicht allein von PolitikerInnen gesteuert werden, sondern soll gemeinsam mit ExpertInnen aus Forschung und Praxis sowie der Zivilgesellschaft erarbeitet werden.”

Bei Personalentscheidungen lässt Babler bisher moderne Medienpolitik vermissen. Bei der Neubesetzung des Aufsichtsrates der Wiener Zeitung GmbH weisen nicht alle die gewünschte Parteiunabhängigkeit sowie fachliche Qualifikation auf.

2) Rücklagen der Wiener Zeitung GmbH für Medienbranche nutzen

Die heimische Medienbranche ist in der Krise. Die Werbeeinnahmen wandern von traditionellen Medienunternehmen zu internationalen Digitalriesen ab. In Österreichs Medien wird ein Sparpaket nach dem anderen geschnürt, immer mehr JournalistInnen verlieren ihren Job.

Existenzsorgen hat die Wiener Zeitung GmbH nicht, im Gegenteil: Sie erhält dieses Jahr 11,5 Millionen Euro aus dem Bundesbudget. Noch dazu verblieben nach dem Ende der Zeitung dutzende Millionen im Unternehmen. Diese Rücklagen, die aus Einnahmen des früheren Amtsblattes stammen, wurden durch verpflichtende Zahlungen von Unternehmen gebildet. Beim letztverfügbaren Jahresabschluss 2024 betrugen die Rücklagen der Wiener Zeitung GmbH samt Tochterunternehmen noch 25 Millionen Euro. “Die Wiener Zeitung GmbH kann nicht doppelt profitieren, von Steuergeld und dem Geld der UnternehmerInnen. Die Rücklagen sollen abgezogen und zur Förderung der Medienlandschaft verwendet werden”, schlägt Hausjell vor.

3) Kein Geld der SteuerzahlerInnen für ausländische Digitalgiganten

Die Bundesregierung bittet Digitalriesen wie Alphabet (Google, YouTube), Meta (Instagram, Facebook, WhatsApp) und ByteDance (TikTok), deren Geschäft auch mit der Verbreitung von Hass und gesellschaftlicher Spaltung betrieben wird, mit der Digitalsteuer zur Kasse. Ausgerechnet die staatseigene Wiener Zeitung GmbH gibt aber Geld der SteuerzahlerInnen für Werbung in genau diesen Sozialen Netzwerken aus.

Allein 300.000 Euro seien es für Meta gewesen, postete der Medienberater Peter Plaikner vergangenen Oktober. [https://bsky.app/profile/peterplaikner.bsky.social/post/3m3z6vd5fjs2i] Damit könne man seine gesamte Politik-Redaktion samt Lohnnebenkosten für ein ganzes Jahr finanzieren, kommentierte daraufhin “Falter”-Chefredakteur Florian Klenk. [https://bsky.app/profile/klenkflorian.bsky.social/post/3m3z7f6zyk22k]

Recherchen von Reporter ohne Grenzen zeigen, dass die Ausgaben sogar noch deutlich höher sind. Mehr als eine halbe Million Euro gab die Wiener Zeitung GmbH binnen zwei Jahren (seit dem Neustart am 1.7.2023 bis zum Ende des ersten Halbjahres 2025) für Werbung an die Digitalriesen aus. Von den rund 545.000 Euro flossen 345.000 an Meta (337.000 an Instagram und 9.000 an Facebook). An TikTok gingen 103.000 Euro. Bei YouTube wurde um 96.000 Euro geworben. Die Zahlen sind der Medientransparenz-Datenbank der Kommunikationsbehörde Austria entnommen.

Reporter ohne Grenzen fordert Minister Babler auf, dafür zu sorgen, dass künftig kein Cent der Wiener Zeitung GmbH an die Tech-Giganten fließt.

4) Durchgängig Qualität statt vorgeschobenem “Public Value”

Ein zentrales Argument von ÖVP und Grünen bei der Einstellung der “Wiener Zeitung” war die geringe Auflage. Nun stellt sich heraus: Trotz hoher Werbeausgaben sind die Zugriffszahlen beim digitalen Nachfolgeprodukt wz.at und in den Sozialen Netzwerken teils dürftig. Beispielsweise wurden 2025 (1.1. bis 23.10.) 261 Videos auf YouTube veröffentlicht. Mehr als die Hälfte (153 Clips) erreichte weniger als 1.000 Aufrufe, knapp 15 Prozent schafften nicht einmal 100 Aufrufe. Am anderen Ende der Skala stehen acht Videos mit mehr als 50.000 Aufrufen – auf TikTok sind es gar 125.

Die Wiener Zeitung GmbH führt ins Treffen, nicht allein die Klickzahlen seien maßgebend, sondern auch der “Public Value” – der öffentliche Mehrwert. “Wenn es um Public Value geht, hätte das Qualitätsblatt Wiener Zeitung und deren etablierter Webauftritt nie eingestellt werden dürfen”, sagt Fritz Hausjell. Das Nachfolgeprodukt wz.at sieht sich als “digitales Kompassmedium”. “Unabhängiger und kritischer Qualitätsjournalismus für mehr Orientierung im Alltag” werde laut Eigenbeschreibung geboten. “Die neuen Produkte Webseite, Podcast und Videos bieten zum Teil Inhalte, die nichts mit Mehrwert zu tun haben”, konstatiert Medienwissenschafter Hausjell. Er verweist beispielhaft auf den aktuellen YouTube-Clip “Welche Food und Drink-Hypes gab es 2025” [LINK: https://www.youtube.com/shorts/mWkJG_VeLfM] oder eine Umfrage zum neuen Jahr, bei der ein Mann über Asylwerber meint, “Alle zurück. Was haben die da verloren? Sie haben gesagt, sie kommen nur, bis der Krieg wieder vorbei ist, Und jetzt tschüss” – was im Video völlig unkommentiert und ohne Kontext der politischen und gesetzlichen Lage gesendet wird. [LINK: https://youtu.be/Fzh-kukj8V4?si=ihJ9ORhLYZHbBd6f&t=265] Im aktuellen Podcast zu Grönland bezeichnen sich die beiden Moderatorinnen als “Zuckerschnecken”. [https://youtu.be/DtRPc6wZJT4?si=ev3p4V19V0xmmq9s&t=25] Vermeintlich zielgruppengerechte Sprache verkommt zur Niveaulosigkeit – die noch dazu nicht interessiert: nur 45 Aufrufe binnen vier Tagen hat die Podcast-Folge geschafft.

Ein grundsätzliches Problem sieht Reporter ohne Grenzen im schwammigen Gesetzesauftrag für wz.at. “In einem neuen WZ-Gesetz zur Unabhängigkeit muss der Qualitätsbegriff viel strenger und konkreter gefasst werden. Steuergeld kann es nur geben, wenn sämtliche Inhalte den Kriterien entsprechen”, erklärt Hausjell.

5) Keine neuen Geschäftsfelder

Die Wiener Zeitung GmbH hat unter Martin Fleischhacker neue Geschäftsfelder geschaffen. Das Unternehmen besteht nun aus drei Hauptbereichen: wz.at, die Amtsblatt-Nachfolgerin EVI und dem “Media Hub“. Letzterer beinhaltet ein journalistisches Praxisprogramm samt Workshops (Traineeship), Startup-Förderung und ein sogenanntes Zentrum für Medienwissen. Alle neuen Einrichtungen des “Media Hub” unterliegen keinerlei messbaren Qualitätskriterien. Reporter ohne Grenzen (RSF) Österreich fordert daher, Geschäftsfelder an etablierte und zertifizierte Organisationen zu übertragen. “Mit dem Abschied Fleischhackers soll auch die aufgeblähte Struktur des Unternehmens ein Ende haben”, empfiehlt Hausjell.

Ein Paradebeispiel für unnötige Geschäftsfelder ist die “Content Agentur Austria”. Diese bietet PR-Angebote für den öffentlichen Sektor und die Privatwirtschaft an. “In Österreich besteht ein funktionierender Markt mit hochqualifizierten privaten PR-Unternehmen. Es gibt keinerlei Notwendigkeit für die staatliche Content Agentur”, erklärt Fritz Hausjell. Erstaunlicherweise ließ der damalige Generalsekretär des ÖVP-Wirtschaftsbundes, Kurt Egger, auch Mediensprecher seiner Partei, die Content Agentur zu – und somit eine direkte Konkurrenz zu den privaten Unternehmen, die in der Fachgruppe Werbung und Marktkommunikation der WKO organisiert sind. “Wird die neue Wirtschaftskammer-Präsidentin Martha Schultz ihre Fachgruppe nicht im Regen stehenlassen?”, fragt Hausjell.

Die Geschäftsfelder bilden in ihrer jetzigen Form auch ein potenzielles politisches Einfallstor, insbesondere das Traineeship. Denn alle Bereiche unterstehen dem Geschäftsführer, der von der Politik bestellt wird. Das Gesetz macht damit möglich, dass JournalistInnen nach parteipolitischen Kriterien ausgewählt und dementsprechend eingesetzt werden – was zum Glück bisher nicht passiert ist. “Medienminister Babler muss jedoch die rechtlichen Rahmenbedingungen schnellstmöglich ändern. Wir wollen keine Schlupflöcher nach dem Geschmack von Viktor Orbán”, stellt Hausjell klar.

Der Umbau des Unternehmens, die Etablierung der neuen Geschäftsfelder und die völlige Neuaufstellung des Webauftritts gingen mit sehr hohen Kosten einher. Für externe Berater wurden knapp zwei Millionen Euro ausgegeben laut den beiden letztverfügbaren Jahresabschlüssen, 2023 und 2024. Die Ausgaben für Werbung und Repräsentation sowie Spenden lagen bei 1,5 Millionen Euro. Für journalistische Arbeit externer Content-Anbieter, die unter der Marke WZ veröffentlicht wurde, fiel eine weitere Million an.

Zur Einordnung: Aus dem Staatshaushalt erhielt die Wiener Zeitung GmbH 16,5 Millionen Euro im Jahr 2024, davon 7,5 Millionen für den redaktionellen Betrieb. Sechs Millionen gingen an den “Media Hub”, drei Millionen an EVI.

Weitere Kosten werfen Fragen auf: Mit Nachzahlungen in Höhe von rund einer Million Euro an (ehemalige) MitarbeiterInnen rechnet Noch-Geschäftsführer Fleischhacker. Er spricht gegenüber dem “Standard” von 20 Jahre zurückliegenden Fehlern in der Personalverrechnung. [https://www.derstandard.at/story/3000000297866/wz-rechnet-mit-nachzahlung-von-million-nachzahlung-wegen-frueher-falscher-lohnverrechnung] Seit 2002 hat Fleischhacker für die Wiener Zeitung GmbH gearbeitet, als Leiter des Controllings, Chief Information Officer und Prokurist, bevor er Geschäftsführer wurde.

Reporter ohne Grenzen fordert Medienminister Babler auf, für eine vollständige Klärung der hohen Kosten zu sorgen. Dies nicht zuletzt, da zwei neue Großaufträge für die Wiener Zeitung GmbH im Raum stehen. Der SPÖ-Vorsitzende kündigte das “Meine Zeitung”-Abo an. Junge Personen sollen dadurch kostenfreien Zugang zu Qualitätsmedien erhalten. Mehreren Brancheninsidern zufolge ist die Abwicklung des Vorhabens über die Wiener Zeitung GmbH geplant. Laut “Standard” könnte die Wiener Zeitung GmbH auch als “Instrument für eine neue, von Babler geplante Medienförderung herangezogen werden”. [https://www.derstandard.at/story/3000000304051/babler-besetzt-aufsichtsrat-der-staatlichen-wiener-zeitung-rainer-weissenberger-neu] Reporter ohne Grenzen (RSF) Österreich fragt daher: Ist eine zentrale Abwicklung des “Meine Zeitung”-Abo notwendig? Besitzt die Wiener Zeitung GmbH Erfahrung bei derartigen Projekten? Könnte die Wiener Zeitung GmbH mögliche Aufgaben ohne hohe Ausgaben für externe Beratung und/oder Dienstleister erfüllen? Geht es doch um Steuergelder, die möglichst sparsam und effizient eingesetzt werden sollen – erst recht angesichts der angespannten Budgetsituation des Bundes.

Fotocredit: karstensfotos, Wikipedia, CC BY-SA 2.0, ed.