Nachrichtenwüsten: Die US-Regierung führt Krieg gegen die freie Presse Posted on 15. September 202618. September 2026von Martin Wassermair Ben Grazda ist Advocacy Manager von Reporter ohne Grenzen (RSF) USA. Im Interview spricht er über Repressionen gegen den unabhängigen Journalismus und die Bemühungen zur Wiederherstellung des Vertrauens in Medien. Wie beschreiben Sie die aktuelle Lage der US-Medien? Die Vereinigten Staaten sind in eine besorgniserregende und anhaltende Phase des Rückgangs der Pressefreiheit eingetreten. Zwar gibt es eine Vielzahl von Nachrichten- und Medienangeboten, doch die Eigentumsverhältnisse sind stark konzentriert, und Tausende lokaler Medien haben geschlossen, was zur Entstehung von „Nachrichtenwüsten“ für Dutzende Millionen Amerikanerinnen und Amerikaner beiträgt. Die Fusionen größerer Medienkonzerne bedrohen die Stabilität der Arbeitsplätze in der Medienbranche und den Pluralismus der Medien. Gleichzeitig führt die derzeitige Regierung einen Krieg gegen die freie Presse, indem sie Daten zensiert, die eigene Gefolgschaft an die Spitze von Bundesbehörden setzt und rechtliche Schritte gegen vermeintliche Gegnerinnen und Gegner einleitet. Besorgniserregend ist, dass eine Mehrheit der Bevölkerung mittlerweile angibt, in die Medien „kein Vertrauen“ zu haben. Welche Auswirkungen haben die aktuellen Entwicklungen auf den Journalismus? Die Kampagne der Regierung gegen die Presse zielt nicht nur darauf ab, die Berichterstattung über ihre Amtsführung zu beeinflussen, sondern auch darauf, Informationen vor der amerikanischen Bevölkerung zu verbergen. Journalistinnen und Journalisten, die über den Krieg im Iran oder den Personalabbau im öffentlichen Dienst berichtet haben, wurden in alarmierender Häufigkeit vorgeladen, ihre Wohnungen wurden durchsucht und ihre Geräte beschlagnahmt. Dies hat eine abschreckende Wirkung auf die gesamte Branche, insbesondere auf Medienhäuser, die möglicherweise nicht über die Mittel verfügen, um bedrohte Medienschaffende zu unterstützen. Die derzeitige Regierung schränkt die Berichterstattung zudem ein, indem sie Journalistinnen und Journalisten von Orten und Ereignissen von globaler Bedeutung ausschließt. So wurde beispielsweise beim jüngsten G20-Gipfel im September dieses Jahres Medien wie „New York Times“, „Wall Street Journal“, „Bloomberg News“ und „Asheville Watchdog“ die Berichterstattung über das Treffen der Finanzminister verwehrt. (Später wurde berichtet, dass einer der Gründe für den Ausschluss von Bloomberg darin lag, dass dem Finanzminister deren Berichterstattung über seine persönlichen Finanzen nicht gefiel.) Und im März dieses Jahres schlug das Verteidigungsministerium einen Gesetzentwurf vor, der dem Verteidigungsminister das alleinige Ermessen einräumen würde, bestimmte nicht geheime Unterlagen der Öffentlichkeit vorzuenthalten und die öffentliche Kontrolle einzuschränken. All dies zusammen führt dazu, dass weniger Berichterstattung die Menschen erreicht – insbesondere in einem Wahljahr (Wahl zum Repräsentantenhaus und Senatswahlen am 3. November 2026; Anm.), in dem Wählerinnen und Wähler auf vertrauenswürdige Informationen angewiesen sind, um entscheidende Entscheidungen zu treffen, die das Land prägen. Die Federal Communications Commission (FCC) geht als eigentlich unabhängige US-Bundesbehörde ungewöhnlich hart gegen einzelne Rundfunkanbieter und Medienunternehmen vor. Wo endet legitime Regulierung und wo beginnt politischer Druck? Legitime Regulierung endet dort, wo FCC-Vorschriften gegen Rundfunkanbieter und Unternehmen eingesetzt werden, um den politischen Launen der Regierung nachzugeben – wie es Vorsitzender Carr mit großem Eifer tut. Die voreilige Überprüfung von acht lokalen Rundfunklizenzen im Besitz von ABC durch die FCC, die einen Tag nach Trumps Beschwerde über den Sender in den sozialen Medien erfolgte, signalisierte, dass Vorschriften als Strafe dafür missbraucht werden könnten, dass man von dem abweicht, was Präsident Trump persönlich für akzeptabel hält. Diese politisch motivierte Anwendung legitimer Regulierung rückt sie in den Bereich verfassungswidriger Nötigung. Die FCC war und muss eine unabhängige Regulierungsbehörde bleiben, die keinem einzelnen Politiker oder keiner Partei Rechenschaft schuldig ist. Nachrichtenmedien sollten nicht mit dem Verlust ihrer Lizenz und ihrer Fähigkeit, der Öffentlichkeit Bericht zu erstatten, konfrontiert werden, nur um die Launen eines Präsidenten zu befriedigen. Neben dem politischen Druck ist eine zunehmende Konzentration auf dem amerikanischen Medienmarkt zu beobachten. Wie gefährlich ist dieser Trend für die Medienvielfalt? Der derzeitige Trend zur Konzentration auf dem Medienmarkt zerstört das Medienökosystem. Erst letzte Woche haben wir gesehen, wie der Nachrichtenkonzern McClatchy aus Kostengründen über 90 Journalistinnen und Journalisten bei verschiedenen Zeitungen im ganzen Land entlassen hat, wodurch die lokale Berichterstattung in den Gemeinden gelitten hat. Zudem untergraben jüngste Mega-Deals, wie die umstrittene Fusion von Paramount und Warner Bros., den Medienpluralismus und schränken den Zugang zu zuverlässigen, unvoreingenommenen Informationen ein. Das fusionierte Unternehmen würde CBS und CNN besitzen, und der Vater des Eigentümers würde TikTok sowie eines der weltweit größten KI-Unternehmen leiten. Zusammen würde dieses Medienmonstrum dieser Familie sowohl kontrollieren, was produziert wird, als auch, wie die Amerikanerinnen und Amerikaner riesige Mengen an Inhalten konsumieren, was die Vielfalt bei den redaktionellen Eigentumsverhältnissen erheblich einschränken würde. Erschwerend kommt hinzu, dass die FCC versucht, weitere Fusionen zu erleichtern, indem sie eine seit langem bestehende Obergrenze für den Umfang an Medien, den eine einzelne Person kontrollieren darf, aufheben will. Die folgenschwerste Auswirkung dieser Konzentration wird eine weniger informierte Öffentlichkeit sein, die sich stärker auf engstirnige Sichtweisen und eine Handvoll Quellen verlässt. Wie lange kann kritischer und unabhängiger Journalismus dem autoritären Regime unter Präsident Donald J. Trump noch die Stirn bieten? Kritischer Journalismus muss und wird unter der aktuellen Regierung weiterbestehen, trotz aller Versuche, ihn weniger unabhängig zu machen. Derzeit berichten Journalistinnen und Journalisten im ganzen Land, in großen Unternehmen und kleinen Redaktionen, weiterhin gewissenhaft und ziehen die politisch Verantwortlichen zur Rechenschaft. Sie recherchieren Geschichten über die Durchsetzung der Einwanderungsgesetze in lokalen Gemeinden, über Korruption, die sich auf das Einkommen von Familien auswirkt, über Bedenken hinsichtlich der Lebensmittelsicherheit bei der Ernährung von Kindern und vieles mehr. Die Menschen verlassen sich auf diese Berichte, doch die Branche, die sie liefert, war noch nie so stark gefährdet wie heute. Um den unabhängigen Journalismus aufrechtzuerhalten, müssen Nachrichtenunternehmen, Organisationen für Pressefreiheit und andere Befürworterinnen und Befürworter der Pressefreiheit ihre Stimme erheben und sich der Situation stellen. Wir werden die Regierung verklagen müssen (und tun dies bereits), um den Ersten Verfassungszusatz zu schützen. Wir werden uns für Gesetze zur Reform bestimmter Behörden einsetzen müssen (und tun dies bereits). Wir werden für einzelne Journalistinnen und Journalisten kämpfen müssen (und tun dies bereits), die verhaftet oder verklagt werden. Und in einem beispiellosen Schritt müssen wir (und tun dies bereits) Medienschaffende mit Schutzausrüstung ausstatten, damit sie ihre Arbeit fortsetzen können, wenn Tränengas und Pfefferspray eingesetzt, Gummigeschosse abgefeuert oder Schlagstöcke geschwungen werden. Wir sind nicht allein, und Amerika hat schon viel Schlimmeres durchgemacht. Deshalb rufen wir unermüdlich dazu auf, sich den Bemühungen zur Rettung der Pressefreiheit in den USA anzuschließen.
Malta: Empörender Freispruch neun Jahre nach dem Mord an der Journalistin Daphne Caruana Galizia Posted on 5. September 202618. September 2026von Martin Wassermair Reporter ohne Grenzen (RSF) fordert endlich Gerechtigkeit Am 2. September 2026 sprach das Strafgericht in Valletta den maltesischen Geschäftsmann Yorgen Fenech, der sowohl mit der Mafia als auch mit Politikern in Verbindung steht, vom Vorwurf der „Beihilfe“ und der „kriminellen Vereinigung“ im Zusammenhang mit dem Mord an der Investigativjournalistin Daphne Caruana Galizia frei. Fast neun Jahre, nachdem Daphne Caruana Galizia durch eine in ihrem Auto platzierte Bombe ums Leben gekommen war, sprach die Jury am Strafgericht in Valletta nach einem zweimonatigen Prozess und achtstündiger Beratung den Geschäftsmann Yorgen Fenech von den beiden Anklagepunkten frei, die gegen ihn erhoben worden waren: Beihilfe und kriminelle Vereinigung im Zusammenhang mit dem Mord an der Investigativjournalistin. Empört darüber, dass fast ein Jahrzehnt nach der Tat noch immer keine vollständige Gerechtigkeit hergestellt wurde, fordert Reporter ohne Grenzen (RSF) die Regierung auf, Maßnahmen zum Schutz von Journalistinnen und Journalisten und der Medienfreiheit zu ergreifen. Mehr Informationen
Türkiye: Erdoğan Regime Continues Repression of Journalists in Exile Posted on 15. August 202618. August 2026von Martin Wassermair Turkish journalist Doğan Ertuğrul was given political asylum in Austria in 2016. Since then, he has continued his journalistic work from Vienna through the “Free Journalists” network and runs the critical online platform Kronos News, which is clearly opposed to the policies of the Turkish government under President Recep Tayyip Erdoğan. In early July 2026, Ertuğrul once again came under the scrutiny of Turkish authorities: Accused of alleged ties to terrorist organizations, the regime ordered the freezing of his assets. This also affects his private pension insurance. The measure thus impacts the exiled journalist not only in his journalistic work but also directly in his personal livelihood. The next parliamentary and presidential elections in Türkiye will take place in May 2028. In a conversation with RSF Austria Secretary-General Martin Wassermair (pictured on the right), Ertuğrul is therefore convinced that there are obvious political motives behind the recent attacks: “A climate of intimidation is being created to send a clear message to the press: Anyone who opposes President Erdoğan and his government must expect the worst possible consequences. That’s why I have personal protection in Vienna as well.” The journalist in exile sees this as a signal that extends far beyond his personal case. In light of the upcoming elections, he says, the aim is to intimidate critical voices and further restrict the scope of action for independent media. He is now seeking international legal and diplomatic support to fight the asset freeze and, at the same time, to draw attention to the increasing transnational repression against Turkish journalists in exile. He is now seeking international legal and diplomatic support to challenge the asset freeze and, at the same time, to draw attention to the growing transnational repression against Turkish journalists in exile. Reporters Without Borders (RSF) stands with Ertuğrul and calls for international solidarity—for the freedom of critical and independent journalism in Türkiye. German version
Türkei: Erdoğan-Regime setzt Repressionen gegen Exiljournalisten fort Posted on 15. August 202618. August 2026von Martin Wassermair Der türkische Journalist Doğan Ertuğrul erhielt 2016 politisches Asyl in Österreich. Seither setzt er von Wien aus mit dem Netzwerk „Free Journalists“ seine journalistische Arbeit fort und betreibt die kritische Online-Plattform Kronos News, die sich klar gegen die Politik der türkischen Regierung unter Präsident Recep Tayyip Erdoğan richtet. Anfang Juli 2026 geriet Ertuğrul erneut ins Visier der türkischen Behörden: Unter dem Vorwurf einer vermeintlichen Nähe zu terroristischen Organisationen ordnete das Regime das Einfrieren seiner Vermögenswerte an. Davon ist auch seine private Pensionsvorsorge betroffen. Die Maßnahme trifft den Exiljournalisten damit nicht nur in seiner journalistischen Arbeit, sondern unmittelbar in seiner persönlichen Existenz. Im Mai 2028 finden in der Türkei die nächsten Parlaments- und Präsidentschaftswahlen statt. Ertuğrul zeigt sich daher im Gespräch mit ROG-Generalsekretär Martin Wassermair (im Bild rechts) überzeugt, dass hinter den neuerlichen Angriffen durchschaubare politische Absichten stecken: „Es wird eine Drohkulisse aufgebaut, um dem Journalismus unmissverständlich zu verstehen zu geben: Wer sich gegen Präsident Erdoğan und seine Regierung stellt, muss mit den schlimmsten Konsequenzen rechnen. Ich habe in Wien deshalb auch Personenschutz.“ Der Exiljournalist sieht darin ein Signal, das weit über seinen persönlichen Fall hinausreicht. Angesichts der bevorstehenden Wahlen gehe es darum, kritische Stimmen einzuschüchtern und den Handlungsspielraum unabhängiger Medien weiter einzuschränken. Er sucht nun international nach rechtlicher und diplomatischer Unterstützung, um sich gegen die Vermögenssperre zur Wehr zu setzen und zugleich auf die zunehmende transnationale Repression gegen türkische Journalistinnen und Journalisten im Exil aufmerksam zu machen. Reporter ohne Grenzen (RSF) steht an Ertuğruls Seite und ruft zur internationalen Solidarität auf – für die Freiheit des kritischen und unabhängigen Journalismus in der Türkei. Englische Version
RSF-Kampagne #FreeGleizes Posted on 12. August 202612. August 2026von Martin Wassermair Seit 2024 sitzt der französische Sportjournalist Christophe Gleizes in Algerien in Haft. Seine Recherche zu einem Fußballklub in der Berberregion Kabylei wird ihm als Terrorunterstützung ausgelegt. Generalsekretär Martin Wassermair hat für die September-Ausgabe 2026 des Fußballmagazins ballesterer einen Beitrag verfasst – mit einem Solidaritätsaufruf an Medien die internationale Fußball-Fangemeinschaft. Aus: ballesterer, Nr. 208, September 2026 Verbotene Recherche Der 29. Juni 2025 markiert ein dunkles Kapitel in der Geschichte des Fußballjournalismus. An diesem Tag wurde Christophe Gleizes, der sich unter anderem durch investigative Beiträge für die Magazine SO FOOT und Society einen Namen gemacht hat, in Algerien zu einer siebenjährigen Haftstrafe verurteilt. Das Gericht in Tizi Ouzou begründete das mit den Vorwürfen der Verherrlichung von Terrorismus und dem Besitz von Publikationen zu Propagandazwecken, die dem nationalen Interesse schaden. Der fragwürdige Richterspruch versetzt seither Sport, Medien und Politik in Aufregung. Ungeklärter Tod Im Mai 2024 reiste Christophe Gleizes nach Algerien, um über den Fußballverein Jeunesse Sportive de Kabylie, JSK, und den Tod des kamerunischen Spielers Albert Ebossé Bodjongo zu recherchieren. Dieser war am 23. August 2014 ums Leben gekommen – die Erklärungen reichen von einem Herzinfarkt über ein Wurfgeschoss aus dem Fansektor bis zur Ermordung durch die algerischen Behörden, die den JSK-Fans angehängt werden sollte. Das berichtete die Washington Post über Gleizes‘ Recherchen. Ende Mai 2024 wurde Gleizes in Tizi Ouzou, rund 100 Kilometer östlich von Algier, festgenommen. Die Anklage stützte sich unter anderem auf Korrespondenzen von Gleizes mit Mohand Chérif Hannachi, dem Präsidenten des Klubs von 2015 bis 2017. Der 2020 verstorbene Hannachi gehörte der Bewegung für die Selbstbestimmung der Kabylei (MAK) an, die sich für die Rechte der berberischen Bevölkerung einsetzt. MAK wird in Algerien seit 2021 als Terrororganisation eingestuft. In seiner aktuellen Recherche zitierte Gleizes laut Washington Post aus der Kommunikation mit Hannachi und weiteren MAK-Mitgliedern im Exil. Die algerische Justiz wirft ihm zudem vor, mit einem Touristenvisum eingereist zu sein und daher ohne die erforderliche Genehmigung journalistisch gearbeitet zu haben. Akkreditierung 00980549 Zu den Organisationen, die sich für die Freilassung von Christophe Gleizes einsetzen, zählt Reporter ohne Grenzen, kurz RSF, das weltweite Netzwerk für Pressefreiheit. Unmittelbar nach dem Urteil initiierte RSF die internationale Solidaritätskampagne „Free Gleizes“, einschließlich einer Petition, die von zahlreichen Personen aus Journalismus, Kultur und Sport sowie hunderten Medien unterzeichnet wurde. So gelang es, gemeinsam mit dem französischen Sportjournalistenverband, den Fall Christophe Gleizes auf die Agenda der WM 2026 zu bringen. Für besonderes Aufsehen sorgte, dass die FIFA an den abwesenden Journalisten eine Akkreditierung unter der Nummer 00980549 vergab. „Seit einem Jahr wird Christophe Gleizes zu Unrecht inhaftiert“, sagte RSF-Generaldirektor Thibaut Bruttin in einer Aussendung. „Während das Großereignis mit einem leeren Stuhl auf der Pressetribüne stattfindet, erinnert die offizielle Akkreditierung daran, dass sein Platz in den Stadien ist, unter den Journalistinnen und Journalisten, die über das Ereignis berichten, und nicht in einer Zelle. Seine Gefangenschaft ist eine Verletzung der Informationsfreiheit.“ Kurz vor den Semifinalspielen der WM veröffentlichten die Sportjournalistenverbände von Argentinien, England, Frankreich und eine Unterstützungsbotschaft, der sich auch das österreichische Pendant Sports Media Austria angeschlossen hat: „Christophe Gleizes sollte eigentlich hier bei uns sein, um über diese Weltmeisterschaft zu berichten, über die Leistungen der Spieler zu schreiben, die Emotionen des Fußballs zu teilen und seinen Beruf frei auszuüben. Stattdessen bleibt sein Platz auf der Pressetribüne leer. In einer Zeit, in der der Fußball Menschen zusammenbringt und die universellen Werte Freiheit, Respekt und Solidarität verkörpert, weigern wir uns zu akzeptieren, dass ein Journalist wegen seiner Arbeit inhaftiert wird“, heißt es darin. „Wir fordern erneut seine Freilassung und bekräftigen unser unerschütterliches Engagement für die Pressefreiheit überall auf der Welt.“ Diplomatische Bemühungen Mit der WM ist der Fall Gleizes nicht beendet. An offiziellen Gebäuden in zahlreichen französischen Departements wird durch Aushänge Solidarität mit dem Journalisten bekundet. Sebastien Buron, Reporter der französischen Sporttageszeitung L’Equipe, sagt: „Wir veröffentlichen täglich auf der letzten Seite eine Solidaritätsbotschaft, die an die Situation von Christophe Gleizes in Algerien erinnert.“ Er verweist auf die Prinzipientreue der französischen Medien: „In Frankreich wird die Meinungsfreiheit als grundlegend angesehen. Bei jedem Spiel der Ligue 1 wird in den Stadien eine Durchsage ausgestrahlt, die an die Situation von Christophe erinnert. In Fernsehbeiträgen aus den Stadien passiert das ebenfalls.“ Auch das Fußballmagazin SO FOOT lässt nichts unversucht, die Kampagne fortzuführen und die Öffentlichkeit weiter wachzuhalten. Pierre de La Saussay, der engste Freund und Kollege von Gleizes, rief Mitte Juli dessen belastende Situation im Gefängnis in Erinnerung. Gleizes leide massiv unter der Isolation und den gesundheitlichen Folgen seiner Haftbedingungen, Besuche der Familie seien auf 30 Minuten alle zwei Wochen beschränkt. La Saussay wandte sich direkt an das algerische Staatsoberhaupt: „Nur eine Begnadigung durch den Präsidenten Abdelmadjid Tebboune kann die Tortur beenden, die Christophe seit mehr als zwei Jahren durchlebt. Das wäre eine Geste der Verantwortung und der Menschlichkeit.“ Die Zeit drängt, das weiß auch die französische Regierung. RSF-Jurist Antoine Bernard verfolgt deren Bemühungen und lässt leise Zuversicht erkennen: „Die französischen Behörden haben den konsularischen Schutz aktiviert und die erforderlichen Schritte unternommen, insbesondere seit Februar 2026. Der lange erhoffte Dialog zwischen den französischen Ministern für Inneres, Verteidigung und Justiz mit ihren algerischen Amtskollegen und Präsident Abdelmadjid Tebboune hat eine wichtige Voraussetzung für die Freilassung von Christophe geschaffen.“ Medienberichten zufolge durften Mitarbeiter des französischen Konsulats den Gefangenen am 7. Juli besuchen, was ebenfalls die Hoffnung auf eine mögliche Begnadigung nährt. Aus Sicht von Reporter ohne Grenzen ist es dennoch unerlässlich, neben Politik und Medien die internationale Fangemeinschaft auf den Tribünen weiterhin zu mobilisieren. Der Fall Gleizes ist eine Warnung, wie schnell journalistische Recherche auch im Fußball kriminalisiert werden kann, wenn politische Interessen der Pressefreiheit und Rechtsstaatlichkeit entgegenstehen. Der Einsatz für seine Freilassung wird fortgesetzt – bis Christophe Gleizes wieder dorthin zurückkehren kann, wo sein Platz ist: in den Stadien dieser Welt und nicht hinter Gefängnismauern. Martin Wassermair ist langjähriger Autor des ballesterer und seit 2025 Generalsekretär von Reporter ohne Grenzen (RSF) Österreich.