RSF-Kampagne #FreeGleizes 12. August 2026 Seit 2024 sitzt der französische Sportjournalist Christophe Gleizes in Algerien in Haft. Seine Recherche zu einem Fußballklub in der Berberregion Kabylei wird ihm als Terrorunterstützung ausgelegt. Generalsekretär Martin Wassermair hat für die September-Ausgabe 2026 des Fußballmagazins ballesterer einen Beitrag verfasst – mit einem Solidaritätsaufruf an Medien die internationale Fußball-Fangemeinschaft. Aus: ballesterer, Nr. 208, September 2026 Verbotene Recherche Der 29. Juni 2025 markiert ein dunkles Kapitel in der Geschichte des Fußballjournalismus. An diesem Tag wurde Christophe Gleizes, der sich unter anderem durch investigative Beiträge für die Magazine SO FOOT und Society einen Namen gemacht hat, in Algerien zu einer siebenjährigen Haftstrafe verurteilt. Das Gericht in Tizi Ouzou begründete das mit den Vorwürfen der Verherrlichung von Terrorismus und dem Besitz von Publikationen zu Propagandazwecken, die dem nationalen Interesse schaden. Der fragwürdige Richterspruch versetzt seither Sport, Medien und Politik in Aufregung. Ungeklärter Tod Im Mai 2024 reiste Christophe Gleizes nach Algerien, um über den Fußballverein Jeunesse Sportive de Kabylie, JSK, und den Tod des kamerunischen Spielers Albert Ebossé Bodjongo zu recherchieren. Dieser war am 23. August 2014 ums Leben gekommen – die Erklärungen reichen von einem Herzinfarkt über ein Wurfgeschoss aus dem Fansektor bis zur Ermordung durch die algerischen Behörden, die den JSK-Fans angehängt werden sollte. Das berichtete die Washington Post über Gleizes‘ Recherchen. Ende Mai 2024 wurde Gleizes in Tizi Ouzou, rund 100 Kilometer östlich von Algier, festgenommen. Die Anklage stützte sich unter anderem auf Korrespondenzen von Gleizes mit Mohand Chérif Hannachi, dem Präsidenten des Klubs von 2015 bis 2017. Der 2020 verstorbene Hannachi gehörte der Bewegung für die Selbstbestimmung der Kabylei (MAK) an, die sich für die Rechte der berberischen Bevölkerung einsetzt. MAK wird in Algerien seit 2021 als Terrororganisation eingestuft. In seiner aktuellen Recherche zitierte Gleizes laut Washington Post aus der Kommunikation mit Hannachi und weiteren MAK-Mitgliedern im Exil. Die algerische Justiz wirft ihm zudem vor, mit einem Touristenvisum eingereist zu sein und daher ohne die erforderliche Genehmigung journalistisch gearbeitet zu haben. Akkreditierung 00980549 Zu den Organisationen, die sich für die Freilassung von Christophe Gleizes einsetzen, zählt Reporter ohne Grenzen, kurz RSF, das weltweite Netzwerk für Pressefreiheit. Unmittelbar nach dem Urteil initiierte RSF die internationale Solidaritätskampagne „Free Gleizes“, einschließlich einer Petition, die von zahlreichen Personen aus Journalismus, Kultur und Sport sowie hunderten Medien unterzeichnet wurde. So gelang es, gemeinsam mit dem französischen Sportjournalistenverband, den Fall Christophe Gleizes auf die Agenda der WM 2026 zu bringen. Für besonderes Aufsehen sorgte, dass die FIFA an den abwesenden Journalisten eine Akkreditierung unter der Nummer 00980549 vergab. „Seit einem Jahr wird Christophe Gleizes zu Unrecht inhaftiert“, sagte RSF-Generaldirektor Thibaut Bruttin in einer Aussendung. „Während das Großereignis mit einem leeren Stuhl auf der Pressetribüne stattfindet, erinnert die offizielle Akkreditierung daran, dass sein Platz in den Stadien ist, unter den Journalistinnen und Journalisten, die über das Ereignis berichten, und nicht in einer Zelle. Seine Gefangenschaft ist eine Verletzung der Informationsfreiheit.“ Kurz vor den Semifinalspielen der WM veröffentlichten die Sportjournalistenverbände von Argentinien, England, Frankreich und eine Unterstützungsbotschaft, der sich auch das österreichische Pendant Sports Media Austria angeschlossen hat: „Christophe Gleizes sollte eigentlich hier bei uns sein, um über diese Weltmeisterschaft zu berichten, über die Leistungen der Spieler zu schreiben, die Emotionen des Fußballs zu teilen und seinen Beruf frei auszuüben. Stattdessen bleibt sein Platz auf der Pressetribüne leer. In einer Zeit, in der der Fußball Menschen zusammenbringt und die universellen Werte Freiheit, Respekt und Solidarität verkörpert, weigern wir uns zu akzeptieren, dass ein Journalist wegen seiner Arbeit inhaftiert wird“, heißt es darin. „Wir fordern erneut seine Freilassung und bekräftigen unser unerschütterliches Engagement für die Pressefreiheit überall auf der Welt.“ Diplomatische Bemühungen Mit der WM ist der Fall Gleizes nicht beendet. An offiziellen Gebäuden in zahlreichen französischen Departements wird durch Aushänge Solidarität mit dem Journalisten bekundet. Sebastien Buron, Reporter der französischen Sporttageszeitung L’Equipe, sagt: „Wir veröffentlichen täglich auf der letzten Seite eine Solidaritätsbotschaft, die an die Situation von Christophe Gleizes in Algerien erinnert.“ Er verweist auf die Prinzipientreue der französischen Medien: „In Frankreich wird die Meinungsfreiheit als grundlegend angesehen. Bei jedem Spiel der Ligue 1 wird in den Stadien eine Durchsage ausgestrahlt, die an die Situation von Christophe erinnert. In Fernsehbeiträgen aus den Stadien passiert das ebenfalls.“ Auch das Fußballmagazin SO FOOT lässt nichts unversucht, die Kampagne fortzuführen und die Öffentlichkeit weiter wachzuhalten. Pierre de La Saussay, der engste Freund und Kollege von Gleizes, rief Mitte Juli dessen belastende Situation im Gefängnis in Erinnerung. Gleizes leide massiv unter der Isolation und den gesundheitlichen Folgen seiner Haftbedingungen, Besuche der Familie seien auf 30 Minuten alle zwei Wochen beschränkt. La Saussay wandte sich direkt an das algerische Staatsoberhaupt: „Nur eine Begnadigung durch den Präsidenten Abdelmadjid Tebboune kann die Tortur beenden, die Christophe seit mehr als zwei Jahren durchlebt. Das wäre eine Geste der Verantwortung und der Menschlichkeit.“ Die Zeit drängt, das weiß auch die französische Regierung. RSF-Jurist Antoine Bernard verfolgt deren Bemühungen und lässt leise Zuversicht erkennen: „Die französischen Behörden haben den konsularischen Schutz aktiviert und die erforderlichen Schritte unternommen, insbesondere seit Februar 2026. Der lange erhoffte Dialog zwischen den französischen Ministern für Inneres, Verteidigung und Justiz mit ihren algerischen Amtskollegen und Präsident Abdelmadjid Tebboune hat eine wichtige Voraussetzung für die Freilassung von Christophe geschaffen.“ Medienberichten zufolge durften Mitarbeiter des französischen Konsulats den Gefangenen am 7. Juli besuchen, was ebenfalls die Hoffnung auf eine mögliche Begnadigung nährt. Aus Sicht von Reporter ohne Grenzen ist es dennoch unerlässlich, neben Politik und Medien die internationale Fangemeinschaft auf den Tribünen weiterhin zu mobilisieren. Der Fall Gleizes ist eine Warnung, wie schnell journalistische Recherche auch im Fußball kriminalisiert werden kann, wenn politische Interessen der Pressefreiheit und Rechtsstaatlichkeit entgegenstehen. Der Einsatz für seine Freilassung wird fortgesetzt – bis Christophe Gleizes wieder dorthin zurückkehren kann, wo sein Platz ist: in den Stadien dieser Welt und nicht hinter Gefängnismauern. Martin Wassermair ist langjähriger Autor des ballesterer und seit 2025 Generalsekretär von Reporter ohne Grenzen (RSF) Österreich.