Mördertag

Mördertag

Blog von Rubina Möhring

Nicht nur meteorologisch war der 1. Juni ein heißer Mördertag. In Den Haag wird der serbische General Ratko Mladic vom internationalen Kriegsverbrechertribunal in Sachen Srebenica-Völkermord einvernommen. Im tschetschenischen Grosny hat der mutmaßliche Mörder der russischen Journalisten-Ikone Anna Politkovskaja seine erste Nacht hinter Gittern verbracht. Zu Himmelfahrt wird tags darauf Anklage erhoben.

In Wien fällt ein Gericht in erster Instanz die Urteile für den Mord an dem Tschetschenen Umar Israilow – einem abgesprungen, früheren tschetschenischen Regimetreuen, der in Österreich Asyl erhalten hatte – durch drei seiner Landsleute: lebenslange Haft sowie 19 bzw. 16 Jahr Knast. Die Mörder sind also gefunden. Was aber ist, abgesehen von Gleichzeitigkeit, den drei Fällen sonst noch gemein?

Anna Politkovskaja wurde am 7. Oktober 2006, in ihrem Wohnhaus durch mehrere Schüsse brutal hingerichtet. Ob es nur ein makabrer Zufall war, dass Vladimir Putin, damals Präsidenten, heute Regierungschef Russlands, am 7. Oktober Geburtstag feiert, sei dahin gestellt. Anna Politkovskaja recherchierte und schrieb über Menschenrechte, deren Verletzungen in Tschetschenien und die mögliche Involvierung russischen Militärs. Ihr mutmaßlicher Mörder Rustam Machmudow war angeblich ins Ausland geflohen. Nun, knapp fünf Jahre nach dem Mord, fand er sich doch zuhause in Tschetschenien.


Das klingt mysteriös und erinnert fatal an den Mord an dem ukrainischen Journalisten Georgi Gogandze vor elf Jahren. Dessen Frau Myroslava, inzwischen TV-Journalistin in den USA , kämpft noch immer darum, die Hintermänner vor Gericht zu bringen. Im Fall Gongadze wird als Auftragsgeber der ukrainische Präsident Leonid Kutschma vermutet. Wer, fragt man sich, könnte beim Mord an Anna Politkovskaja der Pate gewesen sein?

Gedungene Berufskiller finden sind überall auf der Welt. Erst kassieren sie, dann kommen sie, wenn sie Pech haben, vor Gericht, um die Schuldfrage abzuschließen. Das ist das kalkulierte Risiko. Im Fall Umar Israilow hatte dessen Wiener Anwältin vergeblich versucht, nicht nur das Killer-Trio sondern auch den tschetschenischen Präsidenten Achmat Kadyrow zumindest als Zeugen zu laden. Die Distanz zwischen Grosny und Wien dürfte zu groß gewesen sein. Sollte Anna Politkovskajas Mörder in Grosny vor Gericht gestellt werden, könnte sich Kadyrow ohne nennenswerten Zeitverlust ganz einfach mit dem Dienstwagen zur Verhandlung kutschieren lassen.

Wie Kutschma oder Kadyrow machte sich auch der serbische General Ratko Mladic ungern selbst die Hände schmutzig, er erteilte Befehle, auch solche für Mord. Bei ihm hat es, sage und schreibe, 16 Jahre gedauert, bis er im eigenen Land gefunden konnte. Mit dem Völkermord von Srebenica will er nichts zu tun gehabt haben. Heute ist Mladic ein alter, kranker Mann. Angesichts dessen könnte sein Prozess für die Ankläger – ähnlich wie im Fall des früheren serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic – ein so genanntes Himmelfahrtskommando werden.

Für seine großen Fangemeinde im Heimatland wird auch Mladic immer ein Held bleiben. Ihre private Rache bleibt seinen Gegnern gewiss, auch jenen Bürgern und Journalisten, die sich kritisch mit dem Kapitel Ultranationalismus & ewig Gestrige in Serbien auseinandersetzen.

In Tschetschenien kommen freie Meinungsäußerung und Aufdeckungsjournalismus ganz offiziell einem Todesurteil gleich. Stichwort Anna Politkovskaja. Sie war übrigens eine gebürtige Ukrainerin.

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