Laudatio für Jovo Martinović – Adelheid Wölfl

Laudatio für Jovo Martinović – Adelheid Wölfl

Laudatio für Jovo Martinović – Adelheid Wölfl

Im Rahmen des Press Freedom Awards – A Signal For Europe, der dieses Jahr an den montenegrinischen Journalisten Jovo Martinović verliehen wurde, hielt die Südosteuropakorrespondentin Adelheid Wölfl eine berührende Rede auf den Preisträger.


Es ist eine Ehre, heute hier eingeladen zu werden. Und das ist keine Phrase, ich meine es ganz ehrlich, denn es geht um Jovo Martinović, den ich im Oktober 2016 in Danilovgrad getroffen habe, einem Gefängnis in der Nähe der Hauptstadt Montenegros, Podgorica. Er war zu dem Zeitpunkt bereits ein Jahr dort, ohne wirklich zu wissen, warum er in Untersuchungshaft sein musste. Er wurde nicht im geringsten gesetzeskonform behandelt und ihm wurde wertvolle Lebenszeit Zeit gestohlen. Aber als wir anfingen zu sprechen – eine schmutziges Glasscheibe zwischen uns  – lernte ich einen Mann kennen, der weder Ärger und Frust, noch Verzweiflung oder Nervosität zeigte.

Er war ruhig und konzentriert. Er sprach über andere Gefangene, die ungerecht behandelt wurden. Was ich sah, war eine Person mit enormer innerer Stärke. „Der Journalismus hat mich gelehrt, dass Dinge niemals schwarz oder weiß sind. Der Journalismus hat mich gelehrt, keine Parteilichkeit und Voreingenommenheit zu zeigen, da wir alle mit menschlicher Schwäche behaftet sind und jeder stolpern und fallen kann. Berichterstattung braucht oft eine eingehende Analyse der menschlichen Natur und der Psychologie, und ich finde das am faszinierendsten“, schrieb er mir vor einigen Tagen.

Jovo Martinović hat etwas, was unter Journalisten extrem selten ist: ein völliges Fehlen von Eitelkeit. Als ich ihn in diesem Gefängnis traf, konnte er sich anscheinend wirklich von der Situation distanzieren, in der er sich befand. Die Situation, in der er sich befand, hat tatsächlich viel mit dem mangelnden Rechtsstaat und der mangelnden Medienfreiheit auf dem Balkan zu tun – und nicht mit Jovo Martinović

Die Gewerkschaft der Medien von Montenegro verzeichnete von Anfang Juli 2017 bis Ende Juni 2018 sieben Fälle von Übergriffen auf Journalisten und Medien. Der drastischste Angriff fand im Mai 2018 statt, als die Journalistin von Vijesti, Olivera Lakić durch einen Schuss verletzt wurde. Die Angreifer wurden noch nicht gefunden. Letztes Jahr wurde auch ein Sprengsatz vor dem Haus des Journalisten Sead Sadiković geworfen. Die Journalistin Jelena Jovanović von Vijesti erhielt an ihrem Arbeitsplatz Drohungen.

Nach Angaben des Europarates meldete die montenegrinische Staatsanwaltschaft von Anfang 2004 bis 2018  33 Fälle von Übergriffen auf Journalisten. Auf das staatliche Fernsehen und den staatlichen Rundfunk Montenegros wurde der politischer Einfluss strukturell hergestellt, indem im September 2016 zwei Mitglieder des Vorstandes und das gesamte Management ersetzt wurden.

46 Prozent der Journalisten in Montenegro berichten von einem starken Einfluss oder direkter Zensur. Manchmal ist es sogar schwierig, selbst die harmlosesten Statistiken zu erhalten, wenn etwa ein Chef in der Verwaltung einen Reporter wegen “subversiver Aktivitäten” verdächtigt und ihn dem Politbüro meldet. Vertreter des Regimes hetzten gegen Journalisten und Redakteure und bezeichnen sie  öffentlich als “Staatsfeinde”, „Medienmafia” oder “unmoralische elende Menschen“. In der Regel beginnen danach Leute aus den unteren Rängen Kampagnen gegen diese “unpatriotischen Elemente“.

Kürzlich eingeführte Änderungen des Gesetzes zur Informationsfreiheit erschweren es Medien nun, wichtige Daten zu beschaffen und sie ermöglichen es den Behörden,  eine Pflicht zur Geheimhaltung geltend zu machen, wodurch der Öffentlichkeit wichtige Informationen vorenthalten werden. Das Regime kontrolliert mehrere Fernsehsender und Tageszeitungen, die ziemlich aggressiv sind, wenn es darum geht die herrschende Clique des Landes und ihren Kampf gegen “Staatsfeinde” und “weltweite Verschwörungen” zu verteidigen.

Nun hat die Regierung ein neues Gesetz vorgeschlagen, welches, wenn es in kraft tritt, Journalisten und ihre Quellen nicht mehr schützen wird. Demnach können Journalisten ins Gefängnis geschickt werden, wenn sie ihre Quellen auf Verlangen des Gerichts nicht preisgeben wollen. Bisher stützten sich die Behörden nur auf das unerlaubte Abhören von Telefonen und die Überwachung von Journalisten, die an sensiblen Geschichten arbeiteten. Darüber hinaus nutzen sie Erpressungen, um Reporter zu überzeugen, “in staatlichen Angelegenheiten zusammenzuarbeiten”. Manchmal setzen sie rohe Gewalt ein, was bereits gut dokumentiert ist. Die Schuldigen werden nie gefunden, außer manchmal die ausführenden Täter auf der untersten Ebene, die sich “freiwillig” melden, um die Schuld auf sich zu nehmen und das Gesicht derjenigen zu retten, die die Angriffe orchestrieren. Obwohl er unter hohem Druck stand – kooperierte Jovo Martinović nie mit den Sicherheitsbehörden, sondern schützte seine Quellen. 

Er wurde durch Zufall Journalist, wie er sagt. Als die NATO 1999 in Serbien und im Kosovo intervenierte, wurde er gebeten, Dolmetscher für das britische Medium Independent Television News ITN zu werden. Im Sommer 1999 bot ihm das American National Public Radio (NPR) an, sich der Recherche – und Dokumentationsabteilung anzuschließen. Er verbrachte mehrere Jahre im Kosovo und in der Region, wo er Dokumentarfilme über Kriegsverbrechen und Justizsysteme drehte. Für das National Public Radio (und die BBC – sie hatten damals ein  Koproduktionsabkommen) untersuchte er serbische Kriegsverbrechen im Kosovo. Martinović arbeitete beispielsweise an einem amerikanischen Dokumentarfilm von Radioworks über das Massaker von Ćuška, einen Angriff auf ein Dorf im Kosovo 1999, bei dem 41 unbewaffnete Zivilisten starben.

Später untersuchte er auch Kriegsverbrechen der Kosovo-Befreiungsarmee UCK im Kosovo, die das Interesse des Internationalen Jugoslawien-Tribunals und später die Untersuchung von Dick Marty durch den Europarat auslösten. Seine Berichte wurden in internationalen Nachrichtenagenturen veröffentlicht, darunter im Economist, Time, Newsday und der Financial Times. Zuletzt arbeitete er von 2012 bis zum Herbst letzten Jahres an der Dokumentation „Der Prozess gegen Ratko Mladić“ (BBC Storyville und Sandpaper Films). „Wir haben während des gesamten Prozesses mit beiden Seiten (Staatsanwaltschaft und Verteidigung) gedreht, unter der Bedingung, dass wir den Film erst nach dem Urteil veröffentlichen. Ich war wirklich froh zu hören, dass beide Seiten mit dem Film zufrieden waren. Die Verteidigung und Mladić`s Familie zur Teilnahme zu motivieren, war ebenso wichtig wie die Geschichte aus ihrer Sicht zu erzählen.“

Jovo geht es als Journalist nicht darum, zu urteilen. Es geht ihm darum, Dinge zu beleuchten, sie ans Licht zu bringen, damit die, die Dokumentation sehen, sich selbst etwas vorstellen können. In diesem Sinne handelt er in der Tradition der Aufklärung.

2014 arbeitete er mit VICE an einer Dokumentationsreihe mit dem Titel “Pink Panthers” über einen bekannten Ring von Balkan-Dieben, die im Verdacht stehen, Gold und Juwelen im Wert von hunderten Millionen gestohlen zu haben. Ein Jahr darauf wurde er inhaftiert, weil er verdächtigt wurde “bei der Schaffung einer kriminellen Gruppe für Drogenschmuggel” vermittelt zu haben.

„Das Gerichtsverfahren gegen mich hat gezeigt, dass die Justiz in Montenegro genauso “unabhängig” ist wie während des Eisernen Vorhangs“, sagt er heute darüber. „Die Gesetze und Beweise und sogar die Verfassung gelten nicht und bedeuten nichts, wenn man auf der falschen Seite ist.“

Jovo Martinović weiß aber nicht nur viel über kriminelle Netzwerke auf dem Balkan und über Kriegsverbrechen, er ist auch ein Vogelspezialist, beinahe schon ein Ornithologe. Und es scheint, dass auch die Vögel seine Zuneigung zu ihnen fühlen können. Eines Tages, als er im Gefängnis sein Fenster öffnete, kam ein Spatz herein, um ihn zu besuchen. Er setzte sich auf sein Bett und flog wieder davon. Vielleicht dachte der Vogel: Auch wenn er im Tal des Schatten wandert, fürchtet Jovo kein Unheil. Vielleicht dachte der Spatz: Vor wem soll sich einer wie Jovo fürchten, selbst wenn ihn Feinde bedrängen?

Wie wir alle wissen, ist ein Vogel ein Symbol der Freiheit. Diesmal war es nicht der Vogel, der zu Jovo flog, Herr Martinović musste hierher nach Wien fliegen, um den Preis für seinen Kampf für Freiheit und Transparenz zu erhalten. Jovo, du bist ein Vorbild für mich.

Adelheid Wölfl hat im Standard ein Porträt über Jovo Martinović geschrieben. Es heißt Jovo Martinović, der Sanfte mit dem harten Kern.

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