Griechenlands JournalistInnen in der Klemme

Griechenlands JournalistInnen in der Klemme

Mit der Finanzkrise wächst auch das Misstrauen gegenüber der Presse – UNESCO sucht nach neuem Medien-Kodex

Blog von Rubina Möhring

Finster ist die Situation der Medien in Griechenland. Die JournalistInnen sitzen in der Klemme, um nicht zu sagen in der Tinte. Dies ist jedoch nicht erst seit heute der Fall und schon gar nicht alleinige Folge der akuten Finanzkrise. Die Wurzeln des Übels liegen viel tiefer. Zu suchen sind sie in den unter früheren Regierungen gewachsenen, nahezu mafiösen Systemen innerhalb der Medienwelt.

Eine traditionell unabhängige freie Presse gibt es seit langem kaum mehr. Die meisten Medien sind, so die dieser Tage von “Reporter ohne Grenzen” veröffentlichte Griechenland-Analyse, im Besitz weniger Industrieller und Schiffseigner, sprich griechischer Oligarchen. Deren ökonomische Interessen sind und waren in der Berichterstattung der von ihnen erworbenen Medien vorrangig.


Dementsprechend verluderte Schritt für Schritt das Niveau freier, an unabhängiger Bürger-Information orientierten Information samt erlaubte journalistische Ethik. Allein in zwei Jahren – 2008 bis 2010 – rutschte Griechenland auf dem Pressefreiheitsindex von “Reporter ohne Grenzen” von Platz 31 auf Platz 70 ab und befindet sich seitdem ex aequo mit dem EU-Staat Bulgarien auf einer Ebene – also weit entfernt vom Olymp korruptionsfreier, Demokratie-orientierter Pressefreiheit.

Auch in den griechischen Medien ist nun so genanntes Gesundschrumpfen, sprich Tabula Rasa inklusive Bausch und Bogen Entlassungen angesagt. Die Bevölkerung kümmert dies wenig, ein paar mehr oder weniger Arbeitslose machen den Kohl auch nicht mehr fett. Sie schreit hingegen all ihre Existenzängste einfach heraus, in dem Bewusstsein, in der öffentlichen Wahrnehmung ohnedies kein Sprachrohr mehr zu haben. Und sie misstraut inzwischen allen Presseleuten. Auch pars pro toto. Entlässt ein populärer kritischer Internet-Journalist aus Finanzkrise bedingten Finanznöten einen Mitarbeiter, ist die Empörung, die Trauer groß: Wieder einer weniger. Schuld ist nicht das System sondern der einzelne Arbeitgeber. In diesem Fall wird ein investigativer Journalist wie Stelios Kouloglou stellvertretend für ein System öffentlich an den Pranger gestellt. Verkehrte Welt.

Verkehrt ist die Welt auch anderswo. Sicherheit für JournalistInnen und kein strafrechtliche Gesetzgebung für ReporterInnen war vergangene Woche das Thema einer UNESCO-Konferenz in Paris. Sinn der Veranstaltung war, einen entsprechenden Kodex für die Mitglieder der Vereinten Nationen auszuarbeiten. Dies im Dialog mit NGOs, die sich für Pressefreiheit einsetzen. Ein gutes Vorhaben, eine wichtige, zeitgemäße Zielsetzung.

Im Prinzip war man sich einig. Störfeuer kamen nur aus solchen UN-Mitgliedsstaaten, die sich im unteren Drittel des Pressefreiheitsindex von “Reporter ohne Grenzen” wieder finden. Bleibt zu hoffen, dass sich dieses wichtige Projekt nicht im Sande verläuft.

Der Pressefreiheitsindex für das Jahr 2011 wird von “Reporter ohne Grenzen” im Sinne einer jährlichen Analyse heuer erstmals nicht mehr im September sondern erst nach Jahresende veröffentlicht. Spannend wird dabei unter anderem sein, wie sich in diesem Index für Österreich das politische Gerangel um und im öffentlich-rechtlichen Sender ORF niederschlagen wird. Who knows. Oder, in Anlehnung an den Titel der Sendung des drei Tage vor dem diesjährigen 9/11 Gedenktag ermordeten irakischen Starmoderator Hadi Al-Madi: Whoever listens – hier, dort, überall.

TV-Tipp: Rubina Möhring am Montag, 19.9., in der TV-Sendung “Europa und der Stier”. Okto, 20.30 Uhr (weitere Sendungstermine).

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