FPÖ-Begriffsverwirrung: Strafe muss sein – Strache bekommt keinen Orden

FPÖ-Begriffsverwirrung: Strafe muss sein – Strache bekommt keinen Orden

Blog von Rubina Möhring

Wie weit, so fragt man sich, möchten Herr S. und seine Gefolgsleute bei der Konvertierung zu neuer, jüdischer Identität gehen?

So ein Pech. Keine Orden des Vaterlandes wird die freiheitliche Brust des Herrn Heinz-Christian S. zieren. Auch nicht um den Hals herum oder im Knopfloch wird ihn das Verdienstzeichen zieren. Strafe muss sein. Der Bundespräsident hat das so entschieden. Und wer ist schuld? Ein schnöder STANDARD-Journalist, der seine berufliche Informationspflicht tatsächlich ernst genommen hat und über die S’sche befremdliche Bezeichnung von schlagenden Burschenschaftern als “Juden von heute” berichtete. Die Kultusgemeinde und sämtliche demokratieorientierten Parteien protestierten prompt. Ob sich die schmissigen Burschenschafter mit ihrer neuen Identität inzwischen angefreundet haben, konnte bisher nicht eruiert werden.


Es ist ein Segen, dass in Österreich Pressefreiheit herrscht. Ein doppelter Segen ist, wenn JournalistInnen mit feiner Witterung davon Gebrauch machen. Bekanntlich kam es laut STANDARD von Herrn S. dann noch dicker. Angriffe auf Burschen-Buden und Besucher des Schmisseträgerballs am Auschwitz-Gedenktag verglich er mit dem November-Pogrom 1938, der so genannten Reichskristallnacht – allerdings unter Verzicht des “so genannten” und damit in reiner Nazi-Diktion.

Die Ballbesucher hätten, so Herr S., Todesangst verspürt, Damen, pardon von Frauen war die Rede, dieser feinen Gesellschaft seien weinend zu ihm gekommen. Er selbst habe sich, als er zu Fuß einige Schritte an Demonstranten vorbei gehen musste, angeblich gefühlt wie ein Jude, der durch eine Gasse voller Nazis geht. Wie will er das eigentlich nachempfinden können, das, was 1938 passierte? Wenn grosso modo Opferrollen übernommen werden, ist das nicht nur eine Banalisierung des Leides anderer sondern auch eine sehr heikle Fehlinterpretation.

Von Missinterpretation seitens des Journalisten spricht inzwischen der Herr S. und denkt an Rache-Klage. Wie werden ja sehen, wie das Ganze ausgehen wird. Diese verbalen Ausrutscher waren jedenfalls keine Begriffsverwirrung eines Nachkriegskindes sondern eine schamlose Verharmlosung des perfekt organisierten Völkermordes während des Hitlerregimes. Die nicht minder geschmacklose Bemerkung aus dem Umfeld des freiheitlichen Bildungsinstitutes, Mitarbeiter der Ballorganisation bekämen gleich den Judenstern aufgedrückt, fällt in dieselbe Kategorie. Auf dem Korporationsball verkam das Ballgeflüster, wie es scheint, mitunter zu verbaler Gesinnungstäterschaft. Gut, dass uns diese Information nicht vorenthalten wurde.

Bildung ist ein hohes Gut und Wissen bekanntlich Macht. “Der Weise ist dem Starken überlegen, ein verständiger Mensch dem robusten”, ist schon seit langer, langer Zeit im Buch der Sprüche Salomons nachzulesen. Wo? Ganz einfach in der Bibel, im alten Testament. Halbwissen, Halbbildung ist bekanntlich weiter verbreitet, Unwissenheit allerdings fatal.

Niemand kann Herrn S. vorwerfen, dass er aufgrund seiner späteren Geburt den mörderischen Antisemitismus und die Judenverfolgungen während des so genannten Dritten Reiches nicht miterlebt hat. Ein Blick ins Lexikon hätte jedoch genügt, sich über Morde und Schandtaten, die von den Nazis in der Nacht zum 10. November 1938 und in der folgenden Zeit begangen wurden, zu informieren. Zur Wortschöpfung “Kristallnacht” hatte die Täter das unglaubliche Ausmaß zerschlagener Fenster animiert, die Berge von Glasscherben. Für die zerstörten Leben hatten sie keinen Blick.

Noch eine kleine Anregung. Einfach ins Theater gehen. Zum Beispiel in Barrie Koskys Inszenierung “Der Kaufmann von Venedig”. Die läuft zwar gerade in Frankfurt am Main, aber um sich über den historischen Konflikt zwischen Christen- und Judentum zu informieren, ist dies eine Reise wert. Exemplarisch wird hier christlicher Hass und Verachtung gegenüber einem Juden auf den Punkt gebracht. Auch Martin Luthers derbe antijudaische Ansichten werden in Erinnerung gerufen. Das Premieren-Publikum war zum Teil verstört, manche haben geweint. Und wie geht in Frankfurt die Geschichte von Shakespeares venezianischen Juden aus? Um sein Leben zu retten, muss er zum Christentum konvertieren. Shylok näht sich wieder die Vorhaut an.

Wie weit, so fragt man sich, möchten Herr S. und seine Gefolgsleute bei der Konvertierung zu neuer, jüdischer Identität gehen? Auch bis hin in ausschließlich männliche Bereiche? Oder war das alles nun doch nicht so genau gemeint und aus Unwissenheit nicht bis ins Detail durchgedacht.

Im Fernsehen jedenfalls trägt Herr S. Tränen im Knopfloch. Er ist zutiefst entsetzt und empört, dass die Dinge völlig falsch und aus dem Zusammenhang gerissen berichtet worden seien. Wir sind gespannt auf die weitere Entwicklung samt Berichterstattung.

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