Dirty Campaigning: Harte Zeiten für JournalistInnen

Wahlkampf in Österreich: Nicht nur Tarek Leitner wurde beschädigt, auch der ORF samt Belegschaft wird an den Pranger gestellt. Darüber hinaus wird die Glaubwürdigkeit von Medien per se infrage gestellt.

Mehr und mehr werden Journalisten zu Freiwild politischer Jagdgesellschaften und von Parteifunktionären, denen die Würde eines Menschen weniger am Herzen zu liegen scheint als der erhoffte Wahlsieg ihres Spitzenkandidaten. Mit Meinungs- und Informationsfreiheit hat das wenig, wenn nicht gar nichts zu tun. Auch nicht mit der journalistischen Pflicht, kritische Fragen zu stellen und nicht nur als Mikrofonhalter zu fungieren. Professionelle Journalisten sehen harten Zeiten entgegen.

Wieder einmal müssen Journalisten ihren Kopf hinhalten, wenn wahlwerbende Parteien punkten wollen – diesmal nicht in den USA, sondern hier bei uns im kleinen, feinen Österreich. Und wieder schießt sich eine Partei bevorzugt auf den öffentlich-rechtlichen Sender ORF ein. Dies nicht nur, weil ihr Spitzenkandidat beim diesjährigen „Sommergespräch“ inhaltlich flau über den Bildschirm gekommen war und sein ORF-Gegenüber nicht müde werden wollte, ihn bei allzu wolkigen Darstellungen mit konkreten Fragen und der Hoffnung auf kurze, konkrete Antworten zu unterbrechen. Seit langem schon hatte die „Liste Sebastian Kurz – die neue Volkspartei“ einen Coup vorbereitet, um den Moderator dieser Sendereihe zu desavouieren und – symbolisch gesagt – beruflich vielleicht sogar mit einem Schlag um einen Kopf kürzer zu machen. Gnadenlos. Auch mit gesellschaftlicher Ethik hat das nichts gemein.

Rückgriff auf Dirty Campaigning

Lange Rede, kurzer Sinn: Dem ORF-Moderator Tarek Leitner wird bekanntlich seitens der VP – die übrigens mit Kurz auf das Ö als Zeichen nationaler Identität verzichtet hat – vorgeworfen, mit dem jetzigen Bundeskanzler Christian Kern, als dieser noch nicht Bundeskanzler war, zusammen einen Urlaub verbracht zu haben. Dies auf Wunsch der Kinder, die sich in der Schule angefreundet hatten. Auch andere Kinder waren mit ihren Eltern bei dieser Ferienreise dabei. Neu sind diese scheinbaren News nicht, Leitner hatte darauf schon vor einiger Zeit hingewiesen.

Neu hingegen ist der Rückgriff der Kurz’schen VP auf die Methoden des Dirty Campaigning; Leitner wird erst knapp vor dem ORF-„Sommergespräch“ mit Kern mit dem Vorwurf der Befangenheit konfrontiert. Manche fordern inzwischen sogar seinen Rücktritt als Moderator der Gespräche. Andere rechnen mit einem erhöhten Stressfaktor und entsprechender Unsicherheit des Journalisten bei dem Kanzler-„Sommergespräch“. Wiederum andere sehen darin eine Chance, das Gespräch an sich zu banalisieren. Warum wurde das Ganze von der VP übrigens nicht vor dem Beginn der ORF-„Sommergespräche“ thematisiert?

Fragwürdiges Wahlkampfmodell

Fein sind diese Methoden jedenfalls nicht. Nicht nur der Journalist wurde beschädigt, auch der ORF samt Belegschaft wird so an den Pranger gestellt. Darüber hinaus wird die Glaubwürdigkeit von Medien per se infrage gestellt. Sollte dieses fragwürdige Wahlkampfmodell Schule machen, sind die Folgen absehbar: Das Vertrauen in die mediale Berichterstattung sinkt zunehmend, Gerüchteküchen werden derart hip, dass nicht einmal mehr hinterfragt werden könnte, was da eigentlich an sogenannten Informationen produziert und verbreitet wird.

Mehr denn je brauchen wir professionelle, kritische Journalisten, gerade weil vielerorts Politiker katzbuckelnde Hofberichterstatter bevorzugen und offenbar keine Mittel scheuen, solchen Tor und Türen zu öffnen.