Untersuchungshaft für Deniz Yücel

Nun steht es also fest: Deniz Yücel muss in Untersuchungshaft. Dies hat Montagabend der Haftrichter in Istanbul entschieden. Der Korrespondent der deutschen Tageszeitung DIE WELT hatte sich 13 Tage zuvor bei der Polizei gemeldet, da nach ihm gefahndet worden war. Ihm wird wie so vielen anderen kritischen JournalistInnen, die zum Schweigen gebracht werden sollen, der „übliche“ haarsträubende Vorwurf gemacht: Terrorpropaganda und Aufwiegelung der Bevölkerung vorgeworden. Reporter ohne Grenzen protestiert vehement gegen diese ungerechtfertigte Maßnahme.

Autorenfoto Deniz Yücel - weltN24 - Die Welt

Autorenfoto Deniz Yücel – weltN24 – Die Welt

Der 43jährige Journalist Deniz Yücel ist deutscher und türkischer Staatsbürger. Für die Sonntagsausgabe der Zeitung DIE WELT hatte sein Anwalt der Redaktion in Berlin ein Haftprotokoll zukommen lassen, das wir hiermit mit Genehmigung der Zeitung auch veröffentlichen.

Das Haft-Protokoll von Deniz Yücel

Bericht nach neun Tagen Polizeihaft im Polizeipräsidium Istanbul, Vatanstraße, Aksaray.
Der Korrespondent muss mal wieder was liefern. Wir sind ja nicht zum Spaß hier.
Polizeigewahrsam – Polizeihaft!
Sachverhalt: Seit dem Ausnahmezustand wird in der Türkei die Polizeihaft oft als Bestrafungsinstrument benutzt. Immer wieder sitzen Leute bis zu 14 Tage (bis vor Kurzem: bis zu 30 Tage) und werden danach laufen gelassen. Darum Polizeihaft, nicht Polizeigewahrsam. Und manche Ex-Gefangene sagen, im Gewahrsam seien die Bedingungen härter als in vielen Gefängnissen.
Schreiben/Lesen
Bücher sind, sofern politisch „unbedenklich“, erlaubt. Stift und Notizblock sind verboten.
Ausblick aus meiner Zelle. Oben: Wanduhr mit türkischer Fahne auf dem Zifferblatt. Rechts: Heizkörper mit eingeklemmten Essenskonserven zum Aufwärmen. Vorn: überall Gitterstäbe.
Licht
Auf dem Korridor brennt unentwegt dasselbe Neonlicht. In den Zellen ist es stets schummrig: Zu hell zum Schlafen, zu dunkel zum Lesen. Geht aber beides irgendwie.
Außenwelt
Man hört ab und zu die Straßenbahn. Sonst keine Geräusche und kein Tageslicht.
Zellengröße
2,10m x 3,5m. Ziemlich genau gemessen durch liegen. Höhe: 4m (geschätzt)
Zellenausstattung
2 betthohe, dicke Matratzen, dazu eine flache auf dem Boden. Blaues Kunstleder, Turnmatten-Style. 4 Decken, kein Kissen. Drei Wände Beton, Frontseite komplett Stahlgitter. Wände graugelb, Gitter braun.
Belegung
2–3 Leute. Manchmal auch 4, ist mir bislang aber nicht passiert. Ich immer zu zweit oder zu dritt, einmal allein.

Luft
Schlecht, miefig, stinkt nach Körpergerüchen, stickig. Die Polizisten sagen: „So leer wie in den letzten Tagen war es hier seit dem Putschversuch nicht mehr. Ihr hättet mal riechen sollen, als hier in jeder kleinen Zelle fünf Leute saßen.“
Kälte
Auch als es draußen noch kälter war, habe ich hier nicht gefroren. Ist gut beheizt.
Uhrzeit
Meine Zelle ist genau gegenüber der einzigen Uhr auf dem Korridor. Mitgefangene fragen immer wieder nach der Uhrzeit; ich frage mich, ob es gut oder schlecht ist zu sehen, wie langsam die Sekunden verstreichen. Es ist eine Fabrikuhr mit Sekundenzeiger, auf dem Zifferblatt eine türkische Fahne.
Umgang
Noch vor 15, 20 Jahren war das hier eine Folteranstalt. Ich habe hier keine Gewalt gesehen und von keiner gehört. Die Beamten, die den Trakt beaufsichtigen, sind manchmal etwas grob im Ton, aber nicht ausfallend oder beleidigend. Und im Rahmen der Vorschriften sind sie hilfsbereit, meistens jedenfalls. Kritisch sind manchmal die Krankenhaustransporte. Aber dafür ist die jeweils ermittelnde Polizeiabteilung zuständig.
Handschellen
Mir wurden auf dem Weg zur täglichen medizinischen Untersuchung noch keine Handschellen angelegt. Bei anderen passiert das schon. So weit ich sehen kann, hängt das von der Abteilung ab und von der Größe der Gruppe, die zur Untersuchung gebracht wird.
Medizinische Check-ups
Die meisten Gefangenen werden einmal am Tag zum Check-up gebracht. Entweder zu Fuß in eine kleine Klinik unmittelbar am Gelände. Oder mit Autobus in eines der benachbarten Krankenhäuser. Ich wurde fast immer allein transportiert. Wichtig, weil das die einzigen Minuten frische Luft und Tageslicht am Tag sind.
Ärzte
Die wollen nicht mehr als pro forma das Fehlen von Folterspuren feststellen. Um jede Minute Aufmerksamkeit und jedes Medikament musste ich kämpfen. Das Gute: Bislang habe ich alle diese Kämpfe gewonnen.
Medikamente
Alles, selbst Vitaminpräparate, muss ärztlich verschrieben werden. Auf dem Rückweg besorgt ein Polizist die Medikamente, ich bezahle, zweimal am Tag ist Ausgabe.
Essen
Morgens pappiges, kaltes Toastbrot mit Käse/Wurst. Mittags und abends Essen aus Konserven. Sieht immer gleich aus und schmeckt immer gleich elendig. Bohnen, Kichererbsen, Kartoffeln mit Fleisch. Das Schlimmste ist nicht mal der Geschmack, sondern der Geruch. Ich wärme die Konserven zwischen den Heizrohren der Heizung auf dem Korridor auf (so gut es geht).
Trinken
3 x 0,5l-Wasserflaschen täglich. Wenn man nachfragt auch mehr. Nie Kaffee oder Çay.
Toiletten
Vier Toiletten für bis zu 70 Gefangene auf dem Korridor. Fünfmal am Tag ist Klo-Gang, meistens zwei, drei Zellen auf einmal. Wenn man bittet und der Polizist Lust hat, kann man auch zwischendurch. Erst kommen immer die Frauen, die am Anfang des Korridors sitzen. Es gibt Wasser, aber kein Klopapier. Geputzt werden die Toiletten nicht.
Duschen
Auf meinem Korridor gibt es eigentlich vier Duschen, wie ich einmal per Zufall gesehen habe. Aber dieser Raum ist verschlossen. Auf der Toilette im anderen Korridor ist in einer Kabine eine Dusche. Das warme Wasser reicht nur circa 10 Minuten. Der Duschkopf ist defekt, sodass die Sachen, die man über die Tür hängt, nass werden. Absoluter Badelatschenzwang. Ergebnis bei 1 Dusche für 150 Leute: Ich habe in 9 Tagen zweimal geduscht. Standardantwort, wenn man solche Themen anspricht: „Das ist kein Hotel.“ Ach nee, und ich dachte schon…
Rauchen
Verboten. Nach 9 Tagen für mich immer noch das Schlimmste.
Besuche
Außer Anwaltsbesuchen kein Kontakt erlaubt. Anwalt kann kommen, so oft er will. Ohne Anwalt keine frische Wäsche, Handtücher, Zahnpasta etc. Anwaltsbesuch rechtlich hinter verschlossener Tür. Aber Tür bleibt meistens offen. Draußen wartet ein Polizist. Nach ca. 20 Minuten fordert er, dass wir zum Ende kommen.
Extras
Dreimal sind wir mit einem Auto in ein Krankenhaus in der Nähe gefahren. Die Polizisten haben geraucht und ich mit ihnen. (Danke dafür!).
Und ich nehme jetzt ein Vitaminpräparat, das ich mir beim Arzt erkämpft habe.
Sauberkeit
Tagsüber ist hier ein älterer Herr, den alle Dayi („Onkel“) nennen. Er verteilt das Essen aus einem Einkaufswagen, bringt den Müll weg, und er kehrt die Korridore: Dass er die Toiletten putzt, glauben wir nicht. Die drei Waschbecken hat jeden Morgen ein gefangener pensionierter Polizist geputzt; der ist jetzt weg. Einmal in neun Tagen hat Onkel das Innere der Zelle gekehrt. Und ich hatte Glück: Als ich ankam, waren die 4 Decken in der Zelle noch leicht feucht, weil frisch gewaschen. Danach wurden keine Decken mehr gewaschen. Wer neu kommt, nimmt die benutzte Decke des Vorbesitzers. Logisch. Ist ja kein Hotel hier.
Spiegel
Spiegel gibt es nicht. Neulich beim Arzt habe ich in den Spiegel geschaut: Ziemlich grau. Liegt vielleicht auch am Bart. Mein voriger Zellengenosse sagt: „Du siehst aus wie Karl Marx.“ Der für den Trakt verantwortliche Polizist (Mitte 30, groß, kräftig, laut) sagt: „Karl Marx hatte recht. Die Leute sind verrückt nach Geld.“ Und er sagt: „Schreib‘ was Nettes über uns. Nicht dass du hieraus ein ‚Midnight Express‘ machst“ (in der Türkei sehr bekannter aber unbeliebter US-Film über den türkischen Knast). So weit er kann, versucht der Chef, hilfsbereit mir gegenüber zu sein. Und je länger ich hier sitze, umso netter werden alle zu mir. Und ich werde auch nett. Alles nett.
Mein Zustand
Mir geht es ganz gut. Für die gesundheitlichen Probleme (Magen-Darm) bekomme ich die erkämpften Medikamente. Aber wenn ich nicht seit 9 Tagen hier eingesperrt wäre, hätte ich diese Probleme nicht.
Ankunft
Als ich hier ankam – da noch in der festen Zuversicht, das würde nur eine Nacht dauern –, lag in meiner Zelle ein Ex-Polizist. Aus der Nachbarzelle begrüßte mich eine Stimme. Cesim. Er fragte mich ein bisschen aus, dann meinte er: „Bist du der ausländische Journalist, der Davutoglu live nach Cizre gefragt hat?“ Kaum dass ich Ja gesagt hatte, rief er in Richtung der anderen Zellen: „Freunde, wir begrüßen unter uns den Journalisten, der Davutoglu nach Cizre gefragt hat.“
Respekt
Das Folgende sage ich, weil es für einen ausländischen Journalisten auch anders ausgehen könnte: Alle Mitgefangenen zeigen mir viel Respekt. Für die wenigen, die etwa so alt sind wie ich, 43, oder älter, bin ich Deniz Bey, für die jüngeren Deniz Abi.
Zellen-Ağa
Mein Anwalt spottet schon, ich sei ein „koguş ağa“, geworden, eine aus der Zeit der großen Gemeinschaftszellen in den Gefängnissen bekannte Figur des Zellenhäuptlings. Jedenfalls habe ich das wichtigste Utensil eines Zellen-Ağa: einen kleinen Rosenkranz zum Spielen, gebastelt aus Papiertaschentüchern, weil echte nicht erlaubt sind.
Post
Noch wertvoller als die paar Minuten frische Luft auf dem Weg zum Arzt sind die Anwaltsbesuche. Anwalt bedeutet: frische Socken und vor allem Post von draußen! Der Anwalt bringt mir Nachrichten aus meiner Redaktion, Grüße von meiner geliebten Dilek und von meinen Freunden, und Zeitungsartikel. In die Zelle mitnehmen darf ich die Ausdrucke nicht, nur im Anwaltsraum lesen. Das meiste kann ich nur überfliegen, weil die Zeit knapp ist. Und weil mich das alles so sehr rührt, dass mir die Tränen hochsteigen. Das darf einem hier eigentlich nicht passieren. Aber das tut so gut. So unglaublich gut zu wissen, dass ich hier nicht allein bin und vergessen werde.
Danke
Ich danke von ganzem Herzen allen, die sich wo und wie auch immer für mich und meine inhaftierten Kollegen einsetzen. #FreeDeniz#FreeAllJournalists# Danke Dafür DANKE, DANKE, DANKE! Teşekkürler: İlgilenen, duyarlı olan herkese candan yürekten teşekkürler. Vatan’dan sevgiler, selamlar.
Korso
Und besonders großes Danke für #FreeDeniz-Autokorso. Beste Solidarität wo gibt. Trööt!
Besonderer Dank
Eigentlich sind es so viele, dass ich niemanden hervorheben kann. Muss ich aber: Mein besonderer Dank an meine geliebte Dilek und meinen Kollegen Daniel-Dylan Böhmer. Ich werde euch das nie vergessen. Ich danke meinen Anwälten Veysel Ok und Ferat Cağil sowie Refik Türkoğlu, dem Vertreter des deutschen Generalkonsulats in Istanbul. Außerdem: Dank an meine Zeitung, „Die Welt“, an meinen Verlag, den Axel-Springer-Verlag, und an meine alte Zeitung, die taz. Und an meine ganz alte Wochenzeitung, die „Jungle World“. Und ich danke der Bundesregierung für ihre Bemühungen. Und Dank an meine Schwester Ilkay Yücel, an Özlem Topcu, Doris Akrap, Imran Ayata, Ulf Poschardt, Sascha Lehnartz und Özcan Mutlu.
Schluss:
Als Nazmi, der Makler, mit dem ich vier Tage die Zelle geteilt habe, am Mittwoch ging, hat er das Etikett einer Wasserflasche von innen ans Zellengitter geklebt. „Eine Erinnerung“, sagte er dabei. 24 Stunden danach ist das Etikett abgefallen. Dieser Ort hat keine Erinnerung. Aber er ist voll mit den Erinnerungen derer, die hier eingesperrt sind, an ihr Leben und ihre Liebsten draußen. Und dieser Ort lebt in den Erinnerungen jener, die hier 4, 10 oder 14 Tage verbracht haben. (Oder gar 30 Tage, was bis vor ein paar Wochen noch möglich war.) Alle, die ich hier kennengelernt habe – Makler, Katasterbeamte, Ex-Richter und Polizisten, meine Zellengenossen Nazmi, Zahnarzt, mein Freund Cesim –, alle haben mir gesagt: „Du musst das aufschreiben, Deniz Abi.“ Ich habe gesagt: „Logisch mache ich. Ist schließlich mein Job. Wir sind ja nicht zum Spaß hier.“

Link zum Blog auf derstandard.at
http://derstandard.at/2000053306107/Fall-Deniz-Yuecel-Richterspruch-mit-Paukenschlag