Die "Schwarzen Löcher" des Internet

Ägypten
Abgesehen von den wenigen Seiten, welche zur Muslimbrüderschaft gehören, filtert Ägypten das Internet nur wenig. Aber Präsident Hosni Mubarak, der seit 1981 an der Macht ist, verhält sich in Bezug auf das Internet extrem autoritär. Drei Blogger wurden im Juni 2006 für zwei bis drei Monate eingesperrt, weil sie zu demokratischen Reformen aufgerufen hatten. Andere wurden belästigt, so wie die koptisch Bloggerin Hela Hemi Botros. Sie wurde im August unter dem Druck der Polizei gezwungen, ihren Blog zu schließen. Schließlich verkündete ein Senat des Verwaltungsgerichtes, dass die Behörden Seiten blockieren oder einstweilig schließen können, die die „nationale Sicherheit" bedrohen könnten. Das könnte den Weg zu einer extensiven Online-Zensur öffnen.
Belarus
Die Regierung hat das Monopol über die Telekommunikation und zögert auch nicht, eine Website zu blockieren, wenn sie es für notwendig hält - speziell während der Wahlzeit. Unabhängige Online-Publikationen werden immer wieder gehackt. Zum Beispiel sind im März 2006 mehrere kritische Webseiten über den Präsidenten Alexander Lukaschenko auf mysteriöse Weise aus dem Internet für einige Tage verschwunden.
Burma
Die burmesische Internetpolizei der Regierung arbeitet mit noch strengeren Maßnahmen als ihre Nachbarn China und Vietnam. Die Militär-Junta filtert eindeutig Websites mit Aussagen der Opposition. Unter starker Beobachtung stehen vor allem die Internet-Cafes. Dort werden alle fünf Minuten Screenshots (Bildschirmfotos) zur Überwachung der Tätigkeit des Benutzers angefertigt. Die Aktivitäten der Behörden waren im Juni zum Beispiel gezielt auf Internettelefonie und Chat, eine Blockierung von Goggles „Gtalk", ausgerichtet. Hinter dieser Absicht standen zwei Gründe: den gewinnbringenden Telekommunikationsmarkt bei Ferngesprächen, der unter der Kontrolle von staatlichen Firmen steht, zu verteidigen und Cyber-Dissidenten, deren Kommunikationsmittel schwer zu überprüfen sind, zu stoppen.
China
China ist ohne Frage weiterhin das weltweit am meisten fortgeschrittene Land beim Filtern der Internetseiten. Die Behörden überwachen den technischen Fortschritt sehr genau, damit sich kein neues „Fenster der Meinungsfreiheit" auftut. Am Anfang überprüften sie gezielt Websites und Chat-Foren, derzeit konzentrieren sie sich jedoch auf Blogs und Videoclip-Seiten. China hat derzeit 17 Millionen Blogger. Das ist zwar eine enorme Anzahl, jedoch wagen es nur wenige Blogger sensible Themen zu bearbeiten. Noch weniger Blogger trauen sich, Kritik an der Staatspolizei zu äußern. Chinas Filtersystem blockiert alles, was irgendwie „subversiv" wirkt. Zweitens werden die chinesischen und ausländischen Firmen, die diesen Service anbieten, unter Druck gesetzt, die Inhalte der Seiten zu kontrollieren. Sie stellen Heere von Moderatoren ein, die die Aufgabe haben, die von Bloggern hergestellten Inhalte zu „reinigen". Ein Land, in dem derzeit 52 Menschen im Gefängnis sind, weil sie ihre Meinung im Internet „zu frei" geäußert haben, steht offensichtlich unter großem Druck zur Selbstzensur. Vor nur fünf Jahren glaubten viele Menschen, dass das Internet eine Revolution der chinesischen Gesellschaft und Politik hervor rufen würde, da es ein angeblich unkontrollierbares Medium wäre. Jetzt, während Chinas geopolitischer Einfluss im Aufschwung ist, denken sich die Menschen das Gegenteil. Könnte vielleicht der Fall eintreten, dass Chinas Internetmodell, welches auf Zensur und Beobachtung basiert, eines Tages über den Rest der Welt verhängt wird?
Iran
Die Unterdrückung von Bloggern scheint im Jahr 2006 zurück gegangen zu sein. Noch im Jahr 2005 waren 20 Blogger im Gefängnis, derzeit ist nur Arash Sigarchi eingesperrt. Aber das Filtern des Internets hat zugenommen und der Iran hat heute eine Filterquote von zehn Millionen „unmoralischen" Webseiten. Pornografische Seiten, politische Seiten und Seiten mit religiösem Inhalt werden am häufigsten ins Visier genommen. Aber seit dem Sommer 2006 konzentriert sich die Zensur verstärkt auf Online-Publikationen, die über Frauenrechte schreiben. Die Behörden haben auch vor Kurzem beschlossen, Breitbandanschlüsse zu verbieten. Diese Entscheidung wurde so gerechtfertigt, dass das sehr qualitätsschwache iranische Internet nicht überlastet werden sollte. Ein anderer Hintergrund für dieses Gesetz könnte aber auch sein, dass man das Verlangen der Menschen nach der westlichen Kultur und deren Produkte wie Filme und Musik unterdrücken möchte.
Kuba
Das Internet wird in Kuba von weniger als zwei Prozent der Bevölkerung genutzt. Kuba ist somit im Bezug auf das Internet eines der stärksten zurück gebliebenen Länder. Eine Untersuchung von Reporter ohne Grenzen hat ergeben, dass der Staat Kuba einige Hebel in Bewegung gesetzt hat um zu gewährleisten, dass dieses Medium nicht in „gegenrevolutionärer Weise" genutzt wird. Zuerst hat der Staat mehr oder weniger alle privaten Internetverbindungen verboten. Um zu surfen oder seine Emails abzurufen, müssen die Kubaner zu öffentlichen Einrichtungen wie Internetcafés, Universitäten und „Jugend-Computerclubs" gehen, wo ihre Tätigkeiten besser überprüft werden können. Des Weiteren ist auf allen Computern in den Internetcafés und führenden Hotels Software installiert, die Websites auf "subversive" Inhalte untersucht und automatisch Warnmeldungen verschickt. Die Regierung stellt auch sicher, dass es keinen Internetanschluss für Regimekritiker und unabhängige Journalisten gibt, für die die Kommunikation mit Menschen im Ausland zur Geduldsprobe wird. Zuletzt verlässt sich die Regierung auch noch auf die Selbstzensur. Man kann bis zu 20 Jahre Haft bekommen, wenn man einen "gegenrevulotionären" Artikel für eine Website eines anderen Landes verfasst. Weiters kann man bis zu fünf Jahren Haft bekommen, wenn man einen illegalen Internetanschluss hat. Wenige Internetnutzer nehmen trotzdem das Risiko auf sich, gegen staatliche Zensur anzukämpfen.
Nordkorea
Nordkorea ist weltweit das größte schwarze Loch im Internet. Nur wenige Ämter können über angemietete Verbindungen von China einsteigen. Der Domain-Name des Landes - .nk - ist immer noch nicht eingeführt und die wenigen Seiten der nordkoreanischen Regierung werden auf Servern in Japan oder Südkorea gehostet. Es ist schwer zu glauben, dass das nur ein Resultat von wirtschaftlichen Schwierigkeiten sein soll in einem Land, das im Stande ist, nukleare Sprengkörper herzustellen. Die nordkoreanischen Journalisten, welche Zuflucht in Südkorea gefunden haben, sind sehr aktiv im Internet, speziell auf der Webseite www.dailynk.com .
Saudi-Arabien
Saudi-Arabien versteckt die Online-Zensur nicht. Im Gegenteil zu China, wo das Blockieren der Websites durch das Auftreten von technischen Problemen getarnt ist, teilt Saudi-Arabien seinen Internetnutzer mit, dass die Seite gesperrt ist. Die Zensur konzentriert sich auf pornografische Inhalte, aber auch gezielt auf Seiten der Opposition, israelische Publikationen oder Seiten, die über Homosexualität berichten. Vergangenes Jahr versuchte der Staat, den größten Blog-Service blogger.com komplett zu sperren. Nach ein paar Tagen hat er jedoch aufgegeben und jetzt blockiert er nur noch die Blogs, welche ihm inakzeptabel erscheinen. Zum Beispiel wurde im Juni 2007 das intime Tagebuch von „Saudi Eve", einer jungen Frau, die sich traute, über ihr Liebesleben zu berichten und die staatliche Zensur kritisierte, auf die schwarze Liste gesetzt.
Syrien
Syrien ist das größte Gefängnis für Cyber-Dissidenten im Mittleren Osten. Derzeit sind drei Menschen inhaftiert, die online Kritik an den Behörden ausgeübt haben. Sie werden regelmäßig gefoltert und leben unter unmenschlichen Bedingungen. Der Staat versperrt den Zugang zu arabischsprachigen Oppositionsseiten und Seiten, die sich mit Syriens kurdischer Minderheit beschäftigen.
Tunesien
Im Jahr 2005 hatte Tunesien die Ehre, der Gastgeber des „Weltgipfels zur Informationsgesellschaft", eines großen UN-Events über die Internetzukunft, zu sein. Jetzt zählt die Internet-Politik des Präsidenten Zine el Abidine Ben Alis zu den repressivsten in der Welt. Alle Internetcafés stehen unter staatlicher Kontrolle. Sie filtern Webinhalte und die Cafés werden von der Polizei genau beobachtet. Es ist zum Beispiel unmöglich, von Tunesien aus auf die Homepage von Reporter ohne Grenzen International( http://www.rsf.org ) zu gehen. Der Sicherheitsdienst belästigt auch ständig unabhängige Blogger und Herausgeber oppositioneller Websites, um sicher zu stellen, dass die Selbstzensur siegt. Ein Cyber-Dissident, Mohammed Abbou, ist seit März 2005 eingesperrt, weil er den Präsidenten in einem Online-Newsletter kritisierte.
Turkmenistan
Turkemnistan ist eines der Länder mit den wenigsten Internetzugängen; nur 1% der Bevölkerung geht online. Der verstorbene Präsident Separmurad Nyazov war ein zentralasiatischer Kim Jong-II, der die totale Kontrolle über die gesamten Medien inne hatte. Das Internet in Turkmenistan ist auch nach seinem Tod nicht nur zensiert, sondern auch ein „verbotenes Gebiet" für den Großteil der Bevölkerung.
Uzbekistan
Die offizielle Zensur scheint seit der Niederschlagung der Proteste im Mai 2005 in Andidjan noch schärfer geworden zu sein. Die eiserne Faust der Regierung unter der Leitung von Präsident Islam Karimov blockiert die meisten unabhängigen Websites, die über Uzbekistan berichten und für gewöhnlich auf Servern in Russland liegen, wie auch NGO-Seiten, die Menschenrechtsverletzungen kritisieren.
Vietnam
Im Vietnam scheint es derzeit, dass die Kontrolle über Nachrichten und Informationen schwächer wird und die Regierung zögert hart, gegen Dissidenten durchzugreifen. Einige Cyber-Dissidenten, unter anderem die bekannte Pham Hong Son, wurden 2005 und 2006 freigelassen. Diese relative Nachsichtigkeit macht den vietnamesischen Demokratiekämpfern wieder Mut, die auch das Internet nutzen, um unabhängige Nachrichten im Land zu verbreiten. Eine Gruppe, die sich selbst „8406" nennt, erstellte im Sommer 2006 sogar eine Petition an die Regierung, unterschrieben von Hunderten von Menschen mit ihren richtigen Namen. Sie forderten die Regierung auf, mit den politischen Reformen zu beginnen. Diese Verwendung des Internets durch die jungen Demokraten alarmierte jedoch Behörden, welche oft noch immer dazu bereit sind, Cyber-Dissidenten zum Schweigen zu bringen. Zehn Menschen sind für ihre Meinung im Internet 2007 verhaftet worden und vier davon sind noch immer inhaftiert.
